Die Eisenkinder

Aus www.erkenfara.com

Das erste Lied

Es begann nicht mit einem Lied, es begann mit einem Hammer.

KLANG.

Der schwere Schmiedehammer fiel auf den Amboss.

KLANG.

Wieder.

KLANG.

Noch einmal.

In der großen Werkhalle von Isenstein standen an diesem Abend mehr als hundert Schmiede und Maschinenbauer. Über ihren Köpfen liefen dicke Rohrleitungen durch das Gebälk. Dampf zischte aus Ventilen. Zahnräder drehten sich hinter Schutzgittern. Überall glühte Metall.
Es war der gewöhnliche Lärm der Werkhallen, zumindest für die Menschen von Isenstorm.

Für Ormunder vom Isenstein war dieser Lärm Musik. Er stand auf einer erhöhten Plattform am Rand der Halle und beobachtete die neue Dampfmaschine, die seine Ingenieure seit drei Monaten zu bauen versuchten.
„Sie läuft unrund“, sagte er. Der Ingenieur neben ihm seufzte. „Sie läuft überhaupt.“
Ormunder betrachtete das Schwungrad: „Das ist kein Argument.“
Der Ingenieur schwieg. Hinter ihnen schlug der Hammer wieder auf den Amboss.

KLANG.

Ormunder blickte kurz hinüber. Dann noch einmal.
Der Hammer fiel erneut.

KLANG.

Diesmal bewegte sich sein Kopf leicht im Takt. Der Ingenieur bemerkte es: „Jarl?“
„Hm?“
„Ihr habt gerade mit dem Kopf im Rhythmus genickt.“
Ormunder sah ihn an. „Habe ich nicht.“
„Doch.“
„Dann vergiss es.“
Der Ingenieur grinste. „Jawohl, Jarl.“


Am anderen Ende der Halle standen drei Mädchen. Sie waren eigentlich gar nicht hier, um Musik zu machen.
Rúna Eisenstimme, die älteste von ihnen, arbeitete als Gehilfin bei einem Runenschmied.
Skadi Funkenhand sollte ihrem Vater beim Transport von Stahlplatten helfen.
Und Yrsa Nebelkind war überhaupt nur gekommen, weil Skadi behauptet hatte, es gäbe in der Werkhalle warmes Brot.

Sie standen neben einem Stapel Sturmbronzeplatten und beobachteten die Schmiedearbeiten. Skadi trommelte mit zwei Metallstangen gegen ein Fass.

Klang. Klang-KLANG. Klang.

Rúna sah sie an. „Hör auf.“

Klang. Klang-KLANG.

„Skadi.“ „Ich spiele.“ „Du störst.“ „Ich spiele sehr leise.“
Yrsa blickte zum Hammer.

KLANG.

Dann zu Skadi.

Klang. Klang-KLANG.

Sie legte den Kopf schief. „Das passt.“
Skadi hörte auf. „Was?“
„Der Hammer.“
Wieder:

KLANG.

Skadi begann zu trommeln. Diesmal genau im Takt.

KLANG — KLING-KLANG — KLANG.

Rúna hörte hin. Dann nahm sie einen tiefen Atemzug. Und sang. Nur eine einzige Zeile. Kein bekanntes Lied. Keine alte Weise.
Nur ein improvisierter Ruf der Schmiede. Ihre Stimme war klar und hell und erstaunlich kräftig.
Mehrere Arbeiter drehten sich um. Skadi grinste. Sie trommelte weiter. Yrsa stimmte eine zweite Stimme an. Und plötzlich geschah etwas Seltsames: die Maschinen arbeiteten weiter, die Hämmer schlugen, die Ventile zischten, aber die Menschen begannen, sich danach zu richten.
Ein Schmied passte seinen Schlag an den Rhythmus an.
Dann ein zweiter.
Dann ein dritter.
Innerhalb weniger Augenblicke entstand aus dem Lärm der Werkhalle etwas, das noch nie jemand dort gehört hatte: ein Lied.


Ormunder war inzwischen stehen geblieben. „Was ist das?“
Der Ingenieur neben ihm lauschte. „Keine Ahnung.“
„Wer macht das?“
Er zeigte auf die drei Mädchen. Ormunder runzelte die Stirn. „Warum?“
Der Ingenieur zuckte mit den Schultern. „Weil sie es können?“
Ormunder sah ihn an. Dann wieder die Mädchen.
Rúna sang.
Skadi trommelte.
Yrsa bewegte sich beinahe tanzend zwischen den beiden.
Es war laut, es war chaotisch, es war technisch völlig unbrauchbar. Und es funktionierte.
Ormunder musste widerwillig lächeln. „Lasst sie.“
Der Ingenieur hob eine Augenbraue. „Jarl?“
„Lasst sie weitermachen.“


Das Lied dauerte nur vier Minuten, danach war die Arbeitshalle wieder eine Arbeitshalle. Die Mädchen wollten gehen, coch plötzlich stand ein Mann vor ihnen. Ormunder.
Skadi erstarrte.
Rúna verneigte sich hastig.
Yrsa vergaß, was sie sagen wollte.
Ormunder betrachtete sie. „Wie heißt ihr?“
„Rúna“, sagte die Erste. „Skadi.“ „Yrsa.“
Ormunder nickte. „Und was war das?“
Skadi öffnete den Mund. Schloss ihn wieder. Dann sagte sie: „Musik.“
Ormunder blickte sie lange an. „Das weiß ich.“
Skadi schluckte. „Wir haben keinen Namen dafür.“
Ormunder wandte sich ab. „Dann gebt ihm einen.“ Und damit ging er.
Die drei Mädchen sahen ihm nach. Skadi flüsterte:„Das war alles?“
Rúna nickte. Yrsa sah auf die Metallstangen in Skadis Händen. „Wir brauchen einen Namen.“
„Für das Lied?“
„Nein.“ Yrsa lächelte.
„Für uns.“


Drei Tage später

Die drei trafen sich wieder, diesmal absichtlich. Sie brachten Instrumente mit. Skadi hatte eine alte Metalltrommel ihres Vaters, Rúna hatte eine kleine Runenlaute. Yrsa hatte zwei dünne Sturmbronzerohre gefunden, die eigentlich weggeworfen werden sollten.
Sie bauten daraus etwas, das weder eine Laute noch ein Horn war.
Es klang furchtbar.
Sie waren begeistert.

Sie spielten in einer alten Nebenhalle. Nach einer Stunde kamen zwölf Menschen, um zuzuhören. Nach zwei Stunden waren es fünfzig.
Nach drei Stunden stand der Vorarbeiter vor ihnen. „Ihr könnt hier nicht einfach jeden Abend Lärm machen.“
Skadi sah ihn an. „Warum nicht?“
„Weil die Arbeiter schlafen wollen.“
Rúna deutete auf die Menge. „Die Arbeiter sind hier.“
Der Vorarbeiter sah sich um. Er hatte keine Antwort.


In den folgenden Wochen wurden aus drei Mädchen drei Musikerinnen.
Sie schrieben Lieder über den Stahl, die Maschinen, die Stürme, die Berge, die alten Jarls, die Schmiede, und über die Menschen, die jeden Morgen ihre Arbeit aufnahmen, obwohl sie wussten, dass die Maschinen sie eines Tages überleben würden.
Ihre Musik wurde härter. Schneller. Lauter.
Und immer wieder tauchte derselbe Rhythmus auf:

KLANG — KLANG — KLANG-KLANG.

Der Rhythmus der großen Schmiedehämmer von Isenstorm. Die drei nannten ihn schließlich:
den Eisenrhythmus.


Der Name

Eines Abends saßen sie auf dem Dach der Werkhalle. Unter ihnen glühte die Stadt. Rote Lava schimmerte tief unten am Isenstein. Überall sah man Lichter. Skadi hielt drei kleine Metallstücke in der Hand. „Wir brauchen einen Namen.“
Rúna nickte. „Wir haben doch einen.“ „Welchen?“
„Eisenkinder.“
Skadi verzog das Gesicht. „Das klingt nach drei Kindern, die in einem Stahlfass gefunden wurden.“ Yrsa grinste. „Dann passt es doch.“
Rúna sah über die Stadt. „Wir sind in Isenstein geboren.“
„Nein“, sagte Skadi. Sie deutete auf die Werkhalle. „Wir sind dort geboren.“ Sie zeigte auf die Hämmer. „Aus Stahl.“ Dann auf die drei. „Drei Stimmen.“
Yrsa ergänzte: „Drei Funken.“
Rúna sah sie beide an, und sagte:
„Eisenkinder.“

Diesmal widersprach niemand.


Der erste Auftritt

Ihr erster großer Auftritt fand beim Fest der ersten Esse statt. Mehr als zweitausend Menschen waren gekommen. Die drei standen auf einer improvisierten Bühne aus Stahlplatten, hinter ihnen ragte das gewaltige Schwungrad einer stillgelegten Maschine auf.
Kein Feuerwerk. Keine großen Kulissen.
Nur Dampf.
Stahl.
Licht.

Und drei Mädchen.
Rúna hob das Mikrofon – oder vielmehr das seltsame Runenhorn, das sie inzwischen gebaut hatten.
Skadi schlug einmal auf ihre Trommel.

BOOM.

Die Menge verstummte.
Yrsa hob beide Hände.
Dann begann der Schmiedehammer hinter ihnen zu schlagen.

KLANG.
KLANG.
KLANG-KLANG.

Rúna setzte ein.
Und Isenstein explodierte. Nicht buchstäblich, zum Glück, aber die Menschen schrien.
Sie sprangen, sie sangen mit. Schmiede schlugen ihre Hämmer im Rhythmus, Kinder tanzten auf den Schultern ihrer Väter.
Und irgendwo ganz hinten in der Menge stand Ormunder.
Neben ihm Myrddin.
Ormunder verschränkte die Arme.
Myrddin grinste. „Nun?“
Ormunder schwieg. Die Musik wurde schneller.

Skadi sprang.
Yrsa drehte sich.
Rúna sang eine letzte, gewaltige Note.
Die drei rissen gleichzeitig die Arme hoch.

STILLE.

Dann brach der Platz in Jubel aus.
Myrddin sah Ormunder an. „Sie scheinen Erfolg zu haben.“
Ormunder nickte langsam. „Offensichtlich.“
„Und?“
Ormunder sah noch einmal zu den drei Mädchen. „Sie sind laut.“
Myrddin lächelte. „Das ist alles?“
Ormunder wandte sich ab. „Nein.“
Eine kurze Pause. „Sie sind gut.“
Myrddin grinste noch breiter. „Das klang beinahe wie ein Kompliment.“
„Übertreibt es nicht.“


Die Jahre des Eisens

Die Eisenkinder wurden berühmt. Nicht nur in Isenstorm.
Ihre Lieder wanderten über die Berge. Nach Vanagard. Nach Stormfjord, bis nach Althingard.
Andere Gruppen begannen, ihren Stil zu kopieren, doch niemand erreichte die drei.
Denn niemand hatte ihre Maschinen, niemand hatte ihre Schmiede, niemand hatte den Klang des Isensteins.
Und niemand wusste, dass ihre Musik aus einem ganz bestimmten Geräusch entstanden war: dem Hammer eines Arbeiters.

KLANG.

KLANG.

KLANG-KLANG.

Sie wurden zu einem festen Bestandteil der Feste von Isenstorm. Wenn die Eisenkinder auftraten, kamen Schmiede aus ihren Werkstätten, Seeleute aus dem Hafen und Ingenieure aus den Maschinenhallen.
Ormunder hörte sie gelegentlich. Er würde es niemals zugeben, aber er mochte ihre Musik. Und wenn sie ein neues Lied über Isenstorm vortrugen, blieb er manchmal länger als geplant.
Myrddin bemerkte es natürlich, Er sagte jedoch nie etwas.


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