Wo ist mein Mann?!?

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Die Sonne brannte golden über den Terrakotta-Dächern Yaromos, als Zamira einst ihre Heimat verließ – eine Tochter des Südens, aufgewachsen zwischen duftenden Zedernhainen, räuchernden Tempeln und den ewigen Mosaiken der Händlerstraßen. Damals folgte sie dem nordischen Priester aus dem kalten Land Nordheim: Bjørn Borisson, einem Mann von ungewöhnlicher Tiefe, mit wilden Augen und einem verschmitzten Lächeln, der dem unberechenbarsten aller Götter diente – Loki, dem Wandelbaren, dem Trickster, dem Flammenzüngigen.

Doch nun war er fort.
Verschwunden.
Seit jener Nacht auf der Burg der Elementare, als das Gewölbe bebte, Blitze aus dem klaren Himmel schlugen und eine uralte Stimme durch die Mauern drang – eine Stimme, die kein Mensch hören sollte. Danach blieb nur noch Rauch, Schweigen und eine aufgeschlagene, verkohlte Seite aus Bjørns schwarzem Gebetsbuch.

Niemand wusste, wohin er gegangen war. Oder ob er noch lebte.


Zamiras Augen sind so wachsam wie der Wüstenfuchs. In einer ledernen Mappe hält sie Abschriften alter Briefe und Symbole, die Bjørn in seinen Aufzeichnungen verwendete – Runen, die flackern, wenn man sie zu lange ansieht.

Ihr Weg hat sie über die Ebenen von Theostelos, durch das Grenzland von Vir'Vachal bis an die Tore Helborns geführt. Jeder Ort gab ihr ein Puzzlestück, doch nie ein klares Bild.

In Eoganachta flüsterte ein Trunkenbold in einem Kloster, er habe einen Mann mit Lokis Zeichen gesehen, der tanzte mit den Flammen in einem windlosen Hof.
In Assimilan, in einer Höhle unter einer zerfallenen Ruine, fand sie eine Wandzeichnung: Eine Gestalt mit nordischer Kapuze, flankiert von einem Wolf und einem Raben.
In O'Har, auf dem Basar der sieben Schatten, erkannte ein alter Schamane das Zeichen auf ihrem Amulett. Er murmelte: „Er trägt nun viele Gesichter.“

Doch Zamira gibt nicht auf.


In Nordheim erzählt man sich inzwischen eine neue Geschichte:
„Ein Priester Lokis, halb Mensch, halb Rauch, wandelt zwischen den Welten.
Man sieht ihn nur, wenn man lügt.
Er stellt Fragen, auf die man keine Antwort will.“

Zamira begann zu glauben, dass Bjørn nicht nur verschwand – sondern verwandelt wurde. Von Loki geprüft. Vielleicht in eine andere Gestalt, in eine andere Zeit. Vielleicht ist er Teil eines größeren Spiels – einer Prüfung für sie beide.

Und sie?
Sie hat gelernt, Spuren zu lesen, die andere übersehen.
Hat gelernt, mit Schwertern wie mit Gebeten umzugehen.
Sie war einst eine Tänzerin aus Yaromo.
Jetzt ist sie eine Wanderin zwischen Göttern.


Eines Nachts, flackert ein Feuer von selbst auf.
Zamira hockt davor.
Ein Funke schwebt in die Luft, bleibt vor ihrem Gesicht stehen – und flüstert mit Bjørns Stimme:

„Wenn du mich finden willst, Zamira,
dann such mich dort, wo die Wahrheit stirbt und die Geschichten beginnen.
Im Herzen Lokis – wo nichts ist, wie es scheint.“

Sie lächelt.
Zieht den Mantel enger um sich.
Und steigt weiter hinauf.

2025

Steckbrief

Erste konkrete Hinweise

Eben erst hatte das Underground-Rennen stattgefunden – eine wilde, donnernde Parade mächtiger Streitwagen durch unterirdische Tunnel, begleitet von kreischenden Zuschauern, fliegenden Feuerwerkskröten und einer ohrenbetäubenden Geräuschkulisse.

Magus Morbus, berüchtigter Wagenlenker, selbsternannter Meister der schwarzen Künste und gelegentlicher Besitzer fliegender Wirbelklingen, hatte an der Kurve der Schimmernden Grotte einen Unfall erlitten, der später in den Rennchroniken nur noch als „das unglückliche Auseinanderkommen“ bezeichnet wurde.

Sein Wagen aus obsidianem Holz war mit voller Geschwindigkeit in den Streitwagen eines Konkurrenten gekracht, hatte sich überschlagen, war in drei andere Wagen geraten, von zwei weiteren überrollt und schließlich von einer herrenlosen Wirbelklinge in eine künstlerisch bedenkliche Anzahl von Einzelteilen zerlegt worden.

Als die Kobolde der Rennbahn mit dem Aufräumen begannen, trugen sie wie immer ihre leuchtend gelben Zipfelmützen mit seitlichen Ohrlampen. Denn auch im Chaos, so lautete ihr ehrwürdiger Grundsatz, musste Ordnung herrschen. Besonders dann, wenn das Chaos noch warm war.

„Kiste eins: linke Teile“, sagte Zwickel, der dienstälteste der Kobolde, und klappte ein kleines Protokollbrett auf.
„Welche linken Teile?“, fragte Knaster, der kleinste der Truppe.
Zwickel sah auf das Schlachtfeld aus Splittern, Achsen, Rädern, Robenfetzen und unhöflich verteilter Anatomie.
„Alle.“

Die Kobolde machten sich ans Werk. Fein säuberlich sammelten sie die Überreste des Magus Morbus ein, die von den übrigen Wagen auf der Bahn verteilt worden waren. Pompel fand einen Arm unter einem geborstenen Rad. Knaster zog einen Fuß aus einer Felsspalte. Mumpf entdeckte etwas, das entweder ein Ohr oder ein sehr beleidigter Pilz war, und legte es vorsichtshalber in eine Kiste.

„Hier riecht was komisch“, murmelte Knaster, während er zwischen zwei geschmolzenen Wagenreifen herumstocherte.
„Das ist bestimmt Morbus’ Galle“, sagte Pompel. „Die hat schon zu Lebzeiten gerochen, als hätte sie schlechte Absichten.“
„Galle in Kiste drei“, befahl Zwickel.

Die Arbeit ging weiter. Nach und nach fanden sie Leber, Milz, Lunge, Magen, Teile von Stolz, ein Stück Übermut und mehrere Splitter reiner Selbstüberschätzung. Alles wurde geordnet, gezählt, gereinigt und in nummerierte Kisten gelegt.

So füllten sich die Kisten eine nach der anderen. Eine für Knochen. Eine für Gewandreste. Eine für Zauberstabsplitter. Die zweite für Dinge, die noch zuckten, obwohl niemand darum gebeten hatte. Die Dritte für besonders eklige Überreste und so weiter und so fort.

„Sind wir vollständig?“, fragte Zwickel schließlich.

Die Kobolde standen vor den Kisten und prüften die Liste.

„Ein Kopf, ungefähr“, las Knaster vor.
„Zwei Arme, größtenteils.“
„Zwei Beine, nach Verhandlung.“
„Ein Hirn, überraschend handlich.“
„Ein Herz.“
„Eine Leber.“
„Eine Galle, leider.“
„Genug Eingeweide für einen Magus mittlerer Haltbarkeit.“

Zwickel nickte zufrieden.
Da räusperte sich Pompel.
„Äh.“
Alle sahen ihn an. Pompel zeigte auf den Boden. Dort lag noch etwas. Dunkelrot. Feucht. Eindeutig organisch. Und ganz zweifellos ein Herz. Zwickel runzelte die Stirn.
„Das kann nicht sein.“
„Doch“, sagte Knaster. „Es herzt.“
„Wir haben aber schon eins.“
„Vielleicht hatte er zwei?“, schlug Mumpf vor.
Zwickel trat näher. Vorsichtig stupste er das zweite Herz mit einem beschrifteten Holzlöffel an.
„Es ist frisch“, sagte er leise. „Und es gehört nicht in die Liste.“
Die Kobolde verstummten. Denn nun erst bemerkten sie, dass die Lache geronnenen Blutes, in der das zweite Herz gelegen hatte, viel zu groß war. Viel zu dunkel. Viel zu fremd.
„Viel zu viel“, flüsterte Zwickel. „Das ist nicht nur von einem.“

Sie suchten weiter. Zwischen geborstenen Speichen und schwarzem Sand fanden sie ein Gewand. Feucht, schwer, edel bestickt und mit Goldfäden durchzogen. Kein Fetzen von Magus Morbus’ üblicher geschmackloser Rennrobe, sondern ein Prunkgewand aus fernem Norden.
Knaster hielt es hoch, und die Ohrlampen der Kobolde warfen flackerndes Licht auf die Stickerei.
„Das ist doch...“, begann Pompel.
Zwickel nickte langsam.

Bjørn Borisson.“

Der Name fiel zwischen ihnen wie ein Stein in einen Brunnen.

Bjørn Borisson, der verschollene Mann Zamiras. Bjørn, den man einst auf der Burg der Elementare gesehen hatte. Bjørn, dessen Spuren sich verloren hatten wie Rauch im Wind. Seine Frau Zamira hatte überall Plakate mit seiner Abbildung aufgehängt.

„Was macht sein Gewand hier?“, fragte Knaster.
„An einer Rennbahn in Theostelos?“, ergänzte Mumpf.
„Neben Morbus’ Innereien?“, sagte Pompel.
„Und neben einem Herzen zu viel“, schloss Zwickel.

Keiner lachte mehr. Das war sehr unangenehm und würde viel Papierkram bedeuten. Viel zu viel Papierkram. Schnell, bevor es jemand bemerken konnte, warfen sie das zweite Herz in die Kiste mit den anderen Innereien von Magus Morbus.

„Das merkt keiner. Den wird ja eh keiner wieder zusammenflicken“, schloss Zwickel.
„Nee, viel zu teuer. Da rüsten die lieber einen neuen Magier“, ergänzte Mumpf.
„Da bin ich sicher“, sagte auch Pompel.

Das Prunkgewand reinigten sie sorgfältig, so gut es ging. Sie legten es auf ein goldenes Blech, versiegelten die Kisten mit Zahlenschlössern und führten alles dem Rennmagistrat **Firlefanz von Firle-Fanta** vor.

Magus Morbus ist soweit vollständig“, erklärte Zwickel pflichtbewusst.
Firlefanz sah erleichtert aus.
„Soweit ein Magus nach so einem Unfall vollständig sein kann“, fügte Knaster hinzu.
Firlefanz sah weniger erleichtert aus. Dann übergab Zwickel das nordische Gewand.
„Aber das hier“, sagte er, „gehört nicht zu ihm. Das sieht aus wie auf den Suchplakaten zu diesem „Bjørn Borisson

Da verstand auch Firlefanz, dass dies kein gewöhnlicher Rennunfall war. Nicht einmal nach den Maßstäben Theostelos’, wo gewöhnliche Rennunfälle für gewöhnlich Explosionen, Flüche, Dämonenstaub und mindestens einen beleidigten Greif enthielten.

Die Kobolde kehrten später in ihre Werkstätten zurück, doch sie sprachen leiser als sonst. In den Tunneln unter der Underground-Rennbahn begann ein Gerücht zu wachsen, hartnäckig wie Schimmel auf altem Zauberbrot:

Magus Morbus war nicht das einzige Opfer gewesen. Jemand anderes hatte in jener Nacht Blut auf der Bahn verloren. Vielleicht Bjørn Borisson? Vielleicht ein Dämon?

Und während die Kisten mit den Überresten des Magus Morbus in den kalten Hallen des Rennmagistrats standen, erreichten Firlefanz eine Nachricht. Darauf stand in sauberem theosophisch:

"Werter Firlefanz, schickt die Kisten mit den Überresten in die Heilerzunft, wir brauchen den alten Zausel noch.
Ursus Rex"

Die Kisten wurden postwendend in die Heilerzunft von Theosophia übersandt, wo die wertvolle Ingredenzien, mächtige Heilzauber vorbereitet wurden. Doch das ist eine andere Geschichte.

Das Gewand von Bjørn Borisson – einst auf der Burg der Elementare gesehen, dann verschwunden – übergab Firlefanz an Zamira, die es dankbar an sich nahm.

Die Kobolde kehrten mit flackernden Gedanken zurück in ihre Werkstätten. Und über die Tunnel der Underground-Rennbahn begann ein Gerücht zu wachsen, so hartnäckig wie Pilzmoos:
„Ein Nordmann jagt durch die Schatten. Nicht tot. Nicht frei. Vielleicht… verwandelt.“

Die Spur war kalt – doch sie war nicht verschwunden. Und Zamira würde gewiss bald von der Entdeckung hören…

2026

Zamira wandte sich in ihrer Not an diejenigen, die in ihren Tempeln die Meister der verlorenen Seelen waren: die Hohepriester des Loddr. Sie waren bekannt dafür, dass in finsteren teils sehr blutigen Ritualen die Seelen herbeigerufen werden konnten, so dass die Hinterbliebenen und Verlassenen mit den Geistern ihrer Liebsten sprechen konnten.

Sollte es so sein, dass in Magus Morbus bei der Zusammensetzung von Magus Morbus in der Heilerzunft von Theostelos auch ein Teil der Seele von Bjørn Borisson eingebunden wurde. Dann wäre es notwendig, diesen Teil wieder zu extrahieren. Eine Operation und ein Ritual, das selbst bei Unterstützung der Götter sehr risikoreich wäre.

Wird Magus Morbus bereit sein, sich in diese Gefahr zu begeben?

Ritualgesang: Wo ist mein Liebster