Der große Exodus (Aus Sicht der Zwerge von Caer)
Dunkle Wolken waren über den Bergspitzen über Vacharoth aufgezogen, jener uralten Stadt hoch oben in den Eisigen Zinnen, das Zentrum des ebenso alten Zwergenvolkes. Donner grollte dumpf durch die Täler, Wind und Regen peitschten die steilen Hänge und erreichten Elekor von Merganon. Gram gebeugt stand der weise Herr des kleinen Volkes am großen Tor und schaute dann auf in den beginnenden Gewittersturm. Leise fragte der mit einem prächtigen grauen Bart versehene Zwerg sich, ob dieses Unwetter nicht schon das erste Anzeichen der beginnenden Apokalypse sei, vor der seine Auguren ihn seit Beginn des neuen Jahres warnten. Elekor wollte es nicht glauben, doch die Vorzeichen sprachen eine deutliche Sprache, und nicht nur die Zwergenseher kündeten vom Untergang Calygons, von der Vernichtung der Inseln und Kontinente rings um die Zentrale See. Schon bald nach den ersten Anzeichen der bevorstehenden finalen Zerstörung erreichte den Herrn von Caer ebensolche Kunde aus Erin und Karvi, den benachbarten Völkern. Und die Zauberkönige Mythagons sollten gar schon mit der Sammlung von Flotten begonnen haben, um zu versuchen, wenigstens die Elite des magischen Reiches weg zu schaffen von diesem Ort, der nur mehr den Untergang verheißen konnte.
Heute morgen endlich hatte sich Elekor dem Druck der Götter und seiner Berater gebeugt, und ebenfalls befohlen, die Schiffe zu sammeln und die Welt der Inseln, Calygon, bis spätestens zum Beginn des nächsten Jahres zu verlassen. Und wie wenige sie nur würden retten können, wie viele sie würden zurücklassen müssen. Die schrecklichen Verluste in der Seeschlacht gegen Tameh keine drei Jahre zuvor konnten bislang nicht wieder gut gemacht werden. Und doch blieb dem Volk der Caer keine andere Wahl, wollte es überleben. Hinausziehen in die Ferne, hinein in die Gefahren der Kochenden See, hinaus über alle Horizonte, denen ein gottesfürchtiger Seefahrer in ruhigeren Zeiten nicht einmal nahe gekommen wäre.
Elekor schüttelte den Kopf. Nicht die Vergangenheit durfte er betrauern, sondern in die Zukunft mußte er seinen Untertanen sichern. Und da gab es schon genug Probleme! Die Auguren hatten nämlich, wo sie gerade so schön beim Weissagen waren, nebenbei auch noch offenbart, daß das Zwergenvolk dem Untergang geweiht wäre, sollten nicht alle Schiffe der Zwerge vereint diese imaginäre Grenze zur Kochenden See hin überschreiten! Die Westflotte würde aber ziemlich genau das Jahr benötigen, um die zweitausend Meilen zu dem Sammelpunkt zurück zu legen, der gemäß der Orakel für die Zwergenflotte die besten Aussichten bot, die Verluste der großen Überfahrt auf ein Minimum zu reduzieren. Und der Proviant für die Schiffe mußte auch noch bereit gestellt werden. Wieviel Laderaum sollte Elekor dafür einplanen, wieviele Wochen würde die Flotte der Zwergen unterwegs sein, bis sie wieder neue Nahrungsmittel und frisches Wasser aufnehmen könnte...?
Die Glocke schlug acht Mal und zeigte somit das Ende der Wache an. Elekor blickte gelangweilt auf, um eher beiläufig die Routine zu beobachten, mit der die Besatzung ihre Aufgaben tauschten, während auch auf den anderen Schiffen der Flotte die Glocken geschlagen wurden. Es war doch erstaunlich, wieviel Seemannschaft sich die Zwerge des Gebirges in den letzten zwölf Jahren angeeignet hatte. Oh Ihr Götter, zwölf Jahre befanden sie sich nun auf ihrer Irrfahrt durch die unwirklichen Gestade der Kochenden See. Und wie sehr hätte jener Elekor von vor zwölf Jahren den heutigen verachtet! Nur um das Überleben des Volkes von Caer zu sichern, hatten sie das eine um das andere Mal Inseln bis auf das Letzte geplündert, so daß die dort Geborenen an den Rand der Vernichtung gedrängt worden waren, wenn nicht sogar darüber hinaus. Zweimal hatten Sie bislang schon über länger auf einer großen Insel festgemacht, in der Absicht, dort eine neue Heimat aufzubauen. Leider ist beide Male nicht mehr daraus geworden, als eine Gelegenheit, die beschädigten Schiffe einmal von Grund auf zu überholen und den gepeinigten Seelen die Möglichkeit zu bieten, endlich wieder für längere Zeit festen Boden unter den Füßen zu spüren.
Beim ersten Male waren sie gerade zwei Jahre unterwegs, und die Stimmung auf den Schiffen war gefährlich geworden. Zwar waren die Zwerge von jeher gewohnt unter Entbehrungen zu leben und Strapazen auszuhalten, aber eingepfercht auf Schiffen und nur alle paar Wochen für wenige Stunden auf festem Land, das ist mehr als ein gesunder Zwergenverstand auf Dauer verkraften kann. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, daß die Verluste der Flotte an Schiffsmaterial zum größten Teil nicht auf Unfälle und Überfälle zurückzuführen war. Insgesamt zwanzig Schiffe setzten sich beispielsweise in den ersten beiden Jahren allein durch den Willen ihrer Besatzungen ab, die ihr Glück lieber einsam auf kleinen Inseln versuchen wollten, als länger mit der Flotte weiter zu ziehen.
Groß war die Hoffnung, als der langgezogene Küstenstreifen sichtbar wurde. Und als die Flotte dann in den verschiedenen Buchten des großen Eilandes ankerten, wurde offenbar, daß dieses Fleckchen Erde mit einem schönen Gebirgszug im Zentrum der Insel nur von wenigen dort geborenen Menschen bewohnt war, die das kleine Volk zu allem Überfluß auch noch freundlich empfingen. Die Zwerge von Caer erbauten Siedlungen, begannen Stollen in die Berge zu graben rodeten einige Wälder, um Ackerland für die Bauern und Holz für die Schiffe zu erhalten. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten entwickelten sich die zwergischen Ansiedlungen mehr als prächtig, was man von den Eingeborenen nicht gerade sagen konnte! Einer nach dem anderen starb an einer seltsamen Rotfleckenkrankheit, welche die armen Menschen von innen her zu Kochen brachte und so tötete. Ein junges Menschenmädchen namens Ascara, die aufgrund seltsamer Ereignisse doch tatsächlich in den Kreis der Rigolgeweihten Frauen aufgenommen werden sollte, meinte, diese Krankheit hätte das Volk der Caer mitgebracht. Und obwohl es die Menschen tötete, verursachte sie bei den Zwergen nur allgemeine Schlappheit, leichte Gelenkschmerzen und einen Schnupfen. Sie selbst habe die Krankheit nämlich auch schon erlebt, und das in ganz jungen Jahren, und überlebt. Aber sie wurde kaum beachtet, was ein Fehler war...
Und tatsächlich, es zeigte sich, daß fast alle alten Menschen von der Krankheit dahingerafft wurden und die jungen die roten Flecken zum größten Teil gut überstanden. So kam es, daß nach drei Jahren, bis auf einige wenige Ausnahmen, alle Menschen, die zur Ankunft der Caer älter als sechzehn Sommer gewesen waren, an dieser Krankheit verstorben waren, nur die Kinder hatten überlebt. Erschüttert nahmen die Priesterinnen der Rigol, der Göttin der Heilkunst, des Ackerbaus und der Fruchtbarkeit sowohl von Feld und Vieh, als auch des Volkes unter den Bergen, die Waisen auf und erzogen sie. Doch Rigol zürnte den Zwergen schon, und auch die Taten ihrer Dienerinnen konnte Ihre Wut über soviel sinnlos vergeudetes Leben nicht dämpfen, so daß die den Feuergott Rasman anrief, um das Volk von Caer zu strafen, weil es Ihre Warnungen ignoriert hatte. Und Rasman strafte das Volk von Caer, aber da er nicht an der Vernichtung des Volkers unter den Bergen interessiert war, gab er rechtzeitig Warnungen, auch solche, welche die einfachen Zwerge verstehen konnten.
Der höchste der Berge begann von einem auf den anderen Tage zu rauchen. Die Erde der gesamten Insel bebte des Nachts und roter Feuerschein erschien des Nachts auf einigen Bergspitzen. Die Geweihten des Rasman erlitten Alpträume und Visionen, deren Deutung unter ihnen schließlich wie folgt beschlossen wurde: Die Caer mußten die Insel verlassen, diesen Ort ihres Frevels an Rigol, begangen aus Überheblichkeit an den Menschen dieser Insel und an einer ihrer Dienerinnen, welche durch der Göttin Huld erkannt hatte, was den Gevatter Tod auf das Eiland gerufen hatte.
Müdigkeit galt es aus den Gliedern zu bringen. Der heutige Tag konnte der Flotte der Zwerge den Untergang bringen. Seit Tagen schon konnten Schiffe ihres Todfeindes am Horizont wahrgenommen werden, den Rumpf noch unter der Kimm, nur ihre Segel boten sie den Ausgucken der Caer dar. Offensichtlich beobachteten sie den langsamen Vormarsch der großen Flotte. So war es auch heute morgen, kurz nachdem Rasman seine feurigen Rösser vor den Sonnenwagen gespannt und seinen Weg über das Firmament begonnen hatte, wurden wieder die Segel des Feindes gesichtet. Dieses Mal aber in ungekannter Zahl und deutlich näher, zahlreiche Rümpfe konnten ausgemacht werden.
Zum wiederholten Male wünschte sich Elekor, daß dieses schreckliche Ereignis vor zwei Jahren nicht stattgefunden hätte. Drei Jahre hatte man schon im Lande Brusaîn gelebt, obwohl, „Land“ ist wohl eine eher unpassende Umschreibung für das Reich der tausend Inseln, wie die Brusar ihre Ansammlung von Eilanden stolz nannten-und Elekor war zu der Überzeugung gelangt, daß tausend noch untertrieben sein könnte. Die Zwerge waren wieder einmal freundlich empfangen worden und um so größer war die Freundlichkeit geworden, als dem Hetman der Brusar aufgegangen war, daß die Caer wahre Meister in der Gewinnung von Metallen aus Erzen und im Auffinden von letzterem waren. So wies er den bärtigen Verbündeten, wie sie offiziell geheißen wurden, die bergigen Regionen seiner unzähligen Vulkaninseln zu, um dort zu gedeihen und zum Wohle von Brusaîn die in ihnen verborgenen Erze zu fördern. So weit, so gut. Auch das Problem der Rote-Flecken-Krankheit wurde in den Griff bekommen, dank der Zusammenarbeit der Rigolpriesterinnen und den Heilern der Brusar. Und drei Jahre verlief alles sehr harmonisch, die Schiffe der Zwerge fuhren Seite an Seite mit denen des Inselvolkes. Der Hetman Jammassa nutzte die so hinzu gewonnene Macht, um die nominelle Oberherrschaft der Brusar über alle Inseln auch tatsächlich in eine Hegemonie umzuwandeln. Einige kleinere Schlachten wurden geschlagen, doch im Normalfall unterwarfen sich die einzelnen Stämme freiwillig der Macht der vereinigten Flotten und steuerten dann ihre Schiffe der Unterwerfung weiterer Stämme bei.
Dann kam jener schicksalhafte Tag zwei Jahre zuvor, fast auf den Tag genau. In einer Schlacht gegen die deutlich unterlegenen Verbände des Stammes der Rakakabé rammte Elekors Schiff „Merganons Axt“ durch eine Verkettung unglücklicher Umstände Jammassas Flaggschiff, auf dem sich der Hetman auch höchstselbst befand. Die große Prachtgaleere kenterte und sank fast augenblicklich, eine große Anzahl brusarischer Adliger inklusive des Hetmans mit sich in die Tiefe reißend. Sein Sohn Ullossar, der sich zu diesem Zeitpunkt auf der „Merganons Axt“ befand, gewann aufgrund von Mißverständnissen oder eigenem Kalkül heraus den Eindruck, Elekor habe die Galeere seines Vaters absichtlich rammen lassen. Auf jeden Fall wurde an jenem Tage die Schlacht schnell beendet und die Schiffe der Brusar und der Caer zogen sich wieder in ihre Häfen zurück.
Elekor war es nur durch die Warnung guter Freunde unter den Brusar gelungen, die Caer noch einmal zu retten. Denn Ullossar war es auf der Versammlung der Stammesführer gelungen, die anderen vom Verrat der Caer zu überzeugen. Als Grund brachte er vor, daß sie Zwerge danach streben würden, selber die Führung über Brusaîn zu übernehmen und die Stämme der tausend Inseln zu unterjochen. Man hatte Ullossar daraufhin zum neuen Hetman bestimmt und die Vernichtung der Zwerge beschlossen.
Als der Fürst der Zwerge diese Nachricht vernommen hatte, war er kurz versucht gewesen, den Kampf um ihre neue Heimat aufzunehmen, und wenn es bedeutete, daß Ullossar mit seiner Vorhersage der Unterjochung der Stämme recht behielte. Doch er mußte erkennen, daß ein solcher Versuch bei der Ankunft der Caer auf den Inseln vielleicht durchführbar gewesen wäre, doch nun, nachdem alle Stämme der Tausend Inseln vereint waren (und dank des Glaubens an den Verrat der Zwerge würden sie auch weiter geeint bleiben), würden die Zwerge letztlich unterliegen müssen. So beschloß der Fürst gegen den Widerstand vieler seiner Berater, und auch vieler seiner Untertanen, die Fortsetzung der Flucht.
Elekors und der Zwerge Glück war, daß Ullossar die Zwergenschiffe überall zugleich angreifen wollte und daß er davon ausging, daß die Caer ahnungslos waren. So aber trafen die Vernichtungsverbände entweder auf schon geräumte Häfen, oder aber auf schon versammelte größere Verbände, die ihnen dann stark überlegen waren. Nur hier und da wurden vereinzelt noch kleinere Gruppen der Zwerge angetroffen, die dann zu Elekors Leidwesen allesamt niedergemacht und versenkt wurden. Auch jene Caer, die es vorgezogen hatten, an Land zu bleiben und die neue Heimat nicht zu verlassen wurden bis auf den letzten Zwerg vom Antlitz der Welt vertilgt. Nichtsdestotrotz brach die Flotte Caers nun mit mehr Schiffen auf, als Calygon verlassen hatte-man hatte die drei Jahre weidlich genutzt und außerdem waren ihnen nun einige Prisen zugefallen.
Und die Zwerge verließen die Tausend Inseln von Brusaîn, um in der Ferne ein neues Glück zu suchen. Doch in seinem Wahn ließ Ullossar nicht mehr locker, immer wieder verwickelten seine Schiffe die Caer in Scharmützel und auch größere Schlachten. Wohin sich Elekor und seine Zwerge auch wandten, immer wieder tauchten die Brusar wieder auf, fast wie durch einen Fluch geschickt, und tatsächlich, es war auch einer! Die Caer kamen immer wieder in die Nähe der Tausend Inseln, wie sehr sie sich auch bemühten, sich von diesen zu entfernen. Wie man aber gefangenen Brusar entlockt hatte, war man auf Seiten der Brusar aber genauso besorgt über die Hartnäckigkeit, mit der Elekor seine Flotte gegen das Inselvolk führte. Der Fluch schien zumindest nicht von den Brusar auszugehen, oder man hatte den Besatzungen der Schiffe diese Tatsache erfolgreich verheimlicht. Und alle Orakelversuche endeten in aufbauenden Erkenntnissen wie „Es geschieht, was geschehen muß!“ Dieses alles war für die Moral der Caer nicht gerade erbauend.
Darum war man im Stabe Elekors zur Erkenntnis gekommen, daß es wohl besser wäre, so oder so eine Entscheidung herbeizuführen, bevor die Besatzungen der Schiffe ganz dem Wahnsinn und der Verzweiflung anheim fallen würden. Und die Omen hatten den heutigen Tag als den Besten für ein solches Unternehmen ausgewiesen. So ließ Elekor an diesem Morgen seine Flotte in Schlachtaufstellung bringen, anstatt, wie sonst, das Heil in der Flucht zu suchen. Die feindlichen Schiffe, die bei Sonnenaufgang noch zu sehen waren hatten sich bis auf drei oder vier wieder hinter die Kimm zurückgezogen.
„Segel in Sicht, Segel Nordwest zu West! VIIIEEEELE Segel!“ wurde Elekor aus seinen Gedanken gerissen. Westen? Der Feind stand doch im Osten...
Die Stimmung an Bord der Schiffe war merklich gestiegen. Eine weitere Flotte von Exilanten aus Calygon... hier! Die Ausgucks hatten einige Zeit gebraucht, bis sie die anderen Schiffe erkannt hatten. Denn es war ja schon mehr als zwölf Jahre her, daß Caer solche Segel sichteten. Es waren Flüchtlinge aus Tharyson, vom anderen Ende Calygons. Elekor verharrte einen kurzen Augenblick, bevor er den Befehl zum Wenden gab, und die gesamte Flotte der Zwerge den alten Freunden aus Calygon zustrebte.
Nach kurzer Zeit wurde offensichtlich, daß man auf Seiten Tharysons genauso überrascht war, hier das Zwergenvolk anzutreffen, denn die Flotte holte die Segel ein und drehte bei. Nur ein einzelnes Schiff löste sich aus dem Verband und näherte sich den Linien aus Caer. Auch Elekors Berater rieten zur Vorsicht, denn das Ganze könnte ja eine Falle sein. Diesen Einwand fegte der Zwergenfürst jedoch mit dem Hinweis hinweg, daß Ullossar bislang wohl kaum Tharysonschiffe zu sehen bekommen habe, geschweige denn, daß die Zeit gereicht hätte, sie nach zu bauen! So näherte er sich mit seinem Flaggschiff „Merganons Axt“ dem Parlamentär Tharysons, welches sich ebenfalls als das Flaggschiff entpuppte. Kurzerhand ging man Bug an Bug und es wurde die Situation beredet. Dabei kam auch wunderliches zur Sprache, wie zum Beispiel die Tatsache, daß die Tharsen doch wirklich behaupteten, erst ein Jahr auf der Kochenden See unterwegs zu sein, und keine zwölf, wie es bei den Zwergen der Fall war! Aber die Hauptgespräche in dieser Stunde wurden über die Bedrohung der Zwergenflotte durch den Hetman der Brusar geführt.
Man hatte sich gerade darauf geeinigt, daß die Zwerge noch einmal, ein letztes Mal, versuchen sollten, aus dem Fluch der Tausend Inseln zu entkommen (aber in Begleitung der Tharsen), als sich der Himmel blutrot verfärbte und jeglicher Wind ausblieb. Außerdem berichteten die Signale der weiter östlich liegenden Zwergenschiffe, daß die Brusar in Schlachtformation und unter vollen Segeln über den Horizont kämen. Ullossar hatte irgendeine Teufelei ausgeheckt, die den Zwergen die Flucht unmöglich machen sollte, denn mit den Rudern alleine würden sie ihren Feinden niemals entkommen könne, die sich ganz offensichtlich noch des besten Windes erfreuen durften. Elekor empfahl Xandragram, dem Fürsten der Tharsen, sich von den Formationen der Caer zu lösen, um nicht ebenfalls in diese Schlacht verwickelt zu werden.
Doch Xandragram lehnte nobel ab und befahl seiner deutlich größeren Flotte, sich in die Formationen der Caer einzureihen, um die Feinde der Caer gemeinsam abzuwehren. Und so geschah es dann auch, sowohl was das Einreihen angeht als auch die Abwehr der Brusar. Und deutlich war der Sieg über die Stämme der Insel, von neuem Mute beseelt, rangen die Zwerge Seite an Seite mit den Tharsen, und wenn auch zahlreiche eigene Schiffe verloren gingen, so konnten auch viele der Feinde erobert werden, so daß sich die Anzahl der Fahrzeuge auf Seiten der Flüchtlinge aus Calygon am Abend der Schlacht nur unwesentlich verringert hatte. Die kläglichen Reste der Brusarflotte floh das Schlachtfeld. Auf allen Schiffen war des Jubels und der heiteren Stimmung kein Ende.
Elekor und Xandragram hatten an diesem Abend beschlossen, nun gemeinsam in die Welt der Tausend Inseln einzuziehen und zur neuen Heimat der Vertriebenen Völker zu machen! Doch die Götter können grausam sein, denn sie verwehrten den Zwergen und den Menschen diesen Frieden. Noch in der Nacht des Sieges zog von Osten her ein gewaltiger Sturm auf, der die glückliche Stimmung auf den Flotten mit einem Schlage zunichte machte. Zwei Wochen trieb der wilde Wind die Schiffe vor sich her, und die Kochende See wurde ihrem Namen wahrlich gerecht. Von Glück konnten die Seefahrer sagen, daß sich ihnen auf diesem heißen Ritt keine Küste und kein Riff in den Weg stellte. Als sich das Unwetter schließlich legte, waren die Schiffe weit verstreut im Nichts, und es war ein Wunder, daß sich in den nächsten Wochen mehr als zwei Drittel der Flotten an den Gestaden einer größeren Insel einfanden. Es mochten sogar noch mehr Schiffe den Göttersturm überstanden haben, nur hatten weder die Caer noch die Tharsen die Möglichkeit, länger nach ihnen Ausschau zu halten. Die Ressourcen der Insel waren fast vollständig ausgeplündert und jedes längere Warten an ihren Küsten hätte die Zeit verkürzt, einen weiteren Ort mit Nachschub zu finden.
Einige Wochen später, beide Völker verstanden sich längst als Schicksalsgemeinschaft, als eine Allianz in schwerer Stunde, wurde ihre Fahrt in eine neue Richtung gelenkt. In Visionen, die eine beträchtliche Anzahl der Männer und Frauen an Bord der Schiffe heimgesucht hatten, wurde der Sonnenuntergang als Fahrtziel beschworen. Nur wenn man dorthin zöge, gemeinsam dorthin zöge, so hätten die Tharsen und die Caer eine Chance auf eine Zukunft. Oh, sie würden darum kämpfen müssen, und der Erfolg wäre nicht gewiß, doch ein weiteres zielloses Herumirren würde auf jeden Fall den Untergang der Alliierten in sich tragen.
Da sie ohnehin schon gemeinsam unterwegs waren und sich das Archipel der Tausend Inseln auch nicht hatte wiederfinden lassen, beschlossen die beiden Fürsten gemeinsam (und bedrängt von ihren Beratern), dem Willen der Götter endlich Folge zu leisten. Aber eines zeigte sich in der Folgezeit, daß trotz des gemeinsamen Zieles, die beiden Fürsten nicht immer einig über den Weg waren. Es gab Unstimmigkeiten und Alleingänge auf beiden Seiten, welche der gemeinschaftlichen Stimmung unter den Tharsen und den Caer nicht gerade förderlich waren. Und so beschlossen die beiden Fürsten, einen jeden Mann und eine jede Frau über einen gemeinschaftlichen Führer der Schicksalsallianz entscheiden zu lassen.
Bei dieser Abstimmung zeigte sich die unter den Tharsen schon fast traditionelle Tendenz, Fürsten abzusägen (in die Wüste zu schicken; im Knast versauern zu lassen), wenn man ihnen die Schuld für persönliches Versagen in die Schuhe schieben kann. Während nämlich die Zwerge fast geschlossen für ihren Fürsten stimmten, entschied sich gut ein Viertel der Tharsen gegen ihren Fürsten. So wurde Elekor von Merganon zum Großfürsten der Calygon Allianz erkoren, der die vereinigten Völker führen solle, bis ihr Platz in der neuen Heimat gesichert wäre. Und es den Göttern gefällt, auch darüber hinaus.
Ihr Ziel erreichte die Flotte aber erst Jahre später. Und es gab einen Namen für diesen Ort der Hoffnung: ERKENFARA...
