Bericht aus Northeim (Wagenrennen 1996)
Die Vorbereitung
Narayana geht in seinem Palast unruhig auf und ab. „Wo bleibt der Bote?!?“ fragt er jede Minute. „Wo bleibt der Bote???“
Da öffnet sich die Türe. Mit den Worten, „Da ist er ja endlich!“ stürmt Narayana los. Gerade noch rechtzeitig kommt er vor Kavonar, seinem Stadtherrn und Tamara, seiner Burgherrin zum stehen. Sichtlich verwundert vernehmen die beiden seine Begrüßung. „Ihr hier? Aber ich habe Euch doch noch gar nicht rufen lassen. Der Bote ist mal wieder unauffindbar. Ich werfe ihn raus, wenn er mir zwischen die Finger kommt! Ich werfe ihn raus! Aber setzt Euch doch. Was führt Euch zu mir?“ - „Ach unser großer Herrscher, wo Dein Bote ist, das können wir Dir sagen. Er sitzt auf Dun-Durlus-Helvegr mit eben diesem Helvegr zusammen und schmiedet Pläne.“ beginnt Kavonar das Gespräch. Narayana läuft rot an. „Ist das auch wirklich wahr? Auf Herrenhöh werden schon wieder Pläne geschmiedet - OHNE mich? Na wartet!“ - „Ach, gütiger Narayana, so beruhige Dich doch!“ ist die Stimme von Tamara, die Rote zu vernehmen. „Sie erhitzen sich doch nur mal wieder die Köpfe darüber, wie sie Avallon am besten bei der Zählung ihrer Gemarken helfen können. Sie wollen eine kleine Enklave bilden und sich dort ihren zweiten Wohnsitz einrichten. Im Augenblick streiten sie sich darüber, welche Möbel aus Dun-Durlus-Helvegr auf diesen zweiten Wohnsitz geschafft werden sollen und welche in der Festung bleiben.“ - „Ach was, Helvegr möchte schon wieder in den Krieg ziehen? Hat er vom letzten Mal noch nicht genug???“ - „Genau, oh Gewaltiger, genau darüber wollte ich mit Dir sprechen!“ fällt Kavonar ein. „Wie konntet Ihr in meiner Abwesenheit nur auf diese simple Idee kommen, Rhun einen unangemeldeten Besuch abzustatten. Noch dazu mit einer KRIEGSERKLÄRUNG??? - Mir hat es ja gleich die Beine über dem Boden weggezogen, als mir dieses unglaubliche Vorgehen zu Ohren gekommen ist.“ Empört sich Kavonar. „Kannst Du Dir vorstellen, oh Gefürchteter, wie peinlich mir das alles ist???!“ Narayana nickt verständnisvoll. „Was sollte ich den tun? Du weißt doch, wie das ist, Helvegr und ich alleine, nichts tut sich, die Truppen bewegen sich kaum, Avallon sucht noch immer nach seinem Faß ohne Boden...“ „Und wer muß das alles wieder ausbaden? - ICH, natürlich. Zuerst mich nicht fragen und dann darf ich mich wieder entschuldigen für die ‚Heldentaten‘ unseres glorreichen‘ Festungsherrn und unseres umwerfenden Herrschers! Na Prost!“ erzürnt sich Kavonar noch immer. „Wollt Ihr etwas trinken?“ fragt Narayana, um Kavonar Zeit zu geben, sich zu beruhigen. „Ich habe da etwas VORTREFFLICHES! Mein Braumeister hat sich da etwas ausgesprochen Gutes einfallen lassen.“
Er klatscht dreimal in die Hände, ein Diener tritt ein und Narayana gibt die Bestellung auf. In Windeseile werden die Getränke serviert und das Neue gekostet. „Mmm, guuuuut,“ beruhigt sich Kavonar. „Aber was das wieder kostet!!!!“ - „Keine Sorge,“ beruhigt ihn Narayana, „das kommt aus meinem ganz privaten Etat. Du weißt doch, besondere Gäste...“ Kavonars Miene hellt sich auf. Narayana freut sich über Kavonars zufriedenen Gesichtsausdruck und wendet sich Tamara zu. „Wie gut, daß Du auch mitgekommen bist. Ich wollte gerade meinen Boten losschicken, um Dich zu mir zu bitten.“ „Du weißt doch, Narayana, meine Herzsteine erwärmen sich immer, wenn Du nach mir rufen läßt. Und diesmal liefen sie dunkelrot an. Ich stand gerade vor meinem Schrein aus Stein, als Du den Entschluß faßtest, mich rufen zu lassen. Es war wunderschön, die Steine zu beobachten, wie sie die Farbe veränderten. Es muß ein besonderer Auftrag sein, den Du mir anvertrauen möchtest. Habe ich recht?“ „Ich bin fast überrascht, wie gut Du Dich mittlerweile im Umgang mit den Herzsteinen auskennst.“ entgegnet Narayana, leise nickend. Eine leise Röte überzieht Tamaras Gesicht. „Du weißt doch, oh großer Herrscher, daß mir Dun-Caistena-an-Warger seit dem Verschwinden meines Mannes, ans Herz gewachsen ist.“ - „Ja, ich weiß,“ entgegnet Narayana in väterlichem Ton „besonders wenn jemand jeden Stein umgedreht und hinter jeder Türe gesucht hat, egal in welchem Winkel, dann kennt er seine Umgebung wie seine eigene Westentasche. Oder muß ich bei Dir Rocktasche sagen?“ „Nein, nein, es ist schon o.k. Bloß, woher weißt Du das schon wieder. Gibt es überhaupt etwas, was Dir verborgen bleibt?“ Wieder steigt eine leichte Röte in Tamaras Gesicht. „Das steht Dir wirklich gut“, wendet Kavonar ein. „Was steht mir wirklich gut?“ möchte Tamara wissen. „Ja die Farbe! Deine Gesichtsfarbe, wenn Du nicht immer so blaß bist. Wann habe ich Dich denn das letzte Mal so gesehen? Ganz aus der Fassung...“
„So schweige er doch!!!“ fällt ihm Tamara ins Wort. Überrascht hebt Narayana die Augenbrauen. Nur kurz, für einen ganz kleinen Moment. Aber dem aufmerksamen Betrachter ist dies nicht entgangen. „Was ist es nun, was Du mir anvertrauen möchtest, oh geschätzter Narayana?“ wendet sich Tamara an den Herrscher Northeims. „Das ist schnell gesagt: Du nimmst dieses Jahr wieder am Wagenrennen teil.“ „Ich????“ „Ja.“ „Aber warum nicht Esestra, die Steinweise? Sie hat das letztes Mal so hervorragend gemeistert! Ich möchte ihr ihren Platz nicht wegnehmen.“ „Du fährst das Wagenrennen, ich habe es beschlossen. Es bleibt dabei.“ „Mit dem alten Wagen?“ - „JA, mit dem ALTEN Wagen. Warum nur wollt ihr immer die neuen Sachen. Die stehen doch dem Herrscher zu. Einer muß ja testen, was für sein Volk gut ist.“ - „Also gut, wenn es denn nicht anders geht, so werde ich fahren. Du kennst zwar meine Abneigung gegen diesen Adler vor den Rädern, aber wie Du befiehlst...“ „Wir sind dann soweit klar. Du kannst alles Notwendige veranlassen und Dich dann auf Deiner Burg vorbereiten. Ich erwarte von Dir eine Aufbesserung unseres Images. Und jetzt geh.“
So Tamara verläßt Narayana und Kavonar um sich um das Wagenrennen zu kümmern.
Das Rennen
Noch immer grübelnd, warum der gewaltige Herrscher Narayana ausgerechnet ihr die Ehre des Wagenrennens anvertraut hat, läuft Tamaras Gespann unter tosendem Beifall in die Arena ein. Dabei denkt sie noch immer an das Aufpolieren des Northeimschen Images. Was auch immer das sein sollte, was ihr voluminöser Herrscher ihr da als Aufgabe gegeben hat. Wie durch einen Nebel nimmt sie wahr, daß die anderen Gespanne sich ebenfalls zum Start begeben und etwas Abstand von ihrem Gefährt halten. Sollten diese tapferen, edlen Wagenlenker tatsächlich eine so große Angst vor ihr haben, nur weil ihre Freundin, Esestra, den Adler so verhext hatte, daß er das Gespann über den dahinschleifenden ......? gezogen hatte? Und das nennen alle anderen dann unedel? „Was soll's“, denkt sich Tamara, die Rote, „wenn sie schon alle so Angst haben, dann wollen wir ihnen diese auch lassen.“ Aufgrund der ihr angeborenen Zurückhaltung ist sie nicht gewillt, anderen etwas abzunehmen, das sie selbst nicht brauchen kann. Außerdem hat ihr der Stadtherr Kavonar wärmsten ans Herz gelegt, keine kriegerischen Handlungen vorzunehmen oder in irgendeiner Art und Weise zu provozieren, da er mit der wahrlich unangenehmen Geschichte mit dem Reiche Rhun noch immer alle Hände voll zu tun habe, sich zu entschuldigen. Da er mit seinen Händen jedoch viel lieber viel schönere Dinge tun würde, als sich zu entschuldigen, wolle sie doch bitte ein Einsehen haben. „Wenn er diese Dinge doch mal mit mir tun könnte...“, sinniert Tamara weiter, sichtlich bemüht, den aufgebrachten Adler vor dem Abflug zu hindern. „Dieses Miststück, dieses blöde Vieh!!! Warum nur muß ich immer mit Tieren konfrontiert werden, die mit nicht liegen. Hätte ich doch nur meine „Turtles” dabei, mit denen könnte ich ganz anders umgehen. Aber nein, unserer aller Herrscher will das nicht. Er liebt eben das leichte, schwingende Leben und nicht die mühsame Bewegung auf dem Boden. Dabei weiß er wirklich nicht, was ihm entgeht.“ Noch immer grübelnd, vernimmt Tamara, wie Philip Fitzdasar??...... sie als Wagenlenkerin aufruft. Darum bemüht, ihr Reich würdig zu vertreten, teilt sie würdevoll mit, daß auch Ladies aus der zweiten Reihe starten können und verschweigt den Zusatz, „Kann man machen, muß man aber nicht.“ Aber irgendwie geht ihr diese seltsame Rücksichtnahme der anderen Wagenlenkern, die nicht wünschen, daß sie sich in Gefahr begibt, doch zu weit und voller Mißmut gibt sie ihrem Adler die Peitsche. Beinahe hätte sie das vor ihr stehende Gespann vergessen und wäre sozusagen von hinten darübergedonnert. Doch im letzten Augenblick erinnert sie sich der Worte ihres allgegenwärtigen Herrschers, das Image aufzubessern und sie reißt ihren Adler zurück. Auch an Kavonar denkt sie und an all die nicht kriegerischen Handlungen, die sie tun darf, und sie fragt sich erneut, warum gerade sie heute, bei diesem Sturm in diese Arena geschickt wurde. Aber was tut man nicht alles, für einen fürchterlichen, äh, ehr-gefürchteten Herrscher, oder wie das heißt.
Ihr Adler, ob solchem hin- und her sichtlich durcheinander, steigt hoch in die Luft, um sich von dort auf die Pferde des Nachbargespanns zu stürzen. Aber Tamara hält die Leine so kurz, daß das Tier alle Flügel voll zu tun hat, knapp über dem Boden schwebend, das Fahrzeug in der Spur nach vorne zu ziehen. Das Fressen, das er sich ausgesucht hat, ist in der Zwischenzeit weiter vorne und von dem Raubvogel nicht mehr gefährdet.
Tamara denkt darüber nach, ob dieses Zitat, das ihr zu Beginn des Rennens einfiel, wirklich Gültigkeit hat, oder ob da ein früherer Wagenlenker nicht einfach seine Schmach dahinter verstecken wollte. Denn von diesem, „Die Letzten werden die Ersten sein“, kann sie nichts feststellen. Denn nachdem ihr Adler sich nun wieder etwas beruhigt hat, fliegt er gemächlich dahin, ohne an einer frischen Mahlzeit interessiert zu sein. Trotz der ganzen Aufregung mit ihrem Federvieh mitbekommen, hat Tamara mitbekommen, daß Firlefanz wieder mit seinem Rattenexpress angetreten und einen super Start hingelegt hat. Sie hat auch ein irrsinniges Quieken und Quietschen vernommen, als ihr Adler sich auf die Pferde des schräg vor ihr fahrenden Gespanns stürzen wollte; sie war sich aber sicher, daß sie nicht an der Ursache für dieses Quieken und Quietschen schuld war. Und damit auch nicht ihr heiß geliebter Vogelschmaus. Als sie dann mit ihrem Gespann so weit war, die erste Kurve zu nehmen, war sie so neugierig geworden, was denn da vorne so alles abgeht, daß sie mit voller Wucht auf ihren Zugvogel eindreschen wollte. Dieser ist ob einer derartigen Behandlung überhaupt nicht glücklich, obwohl die Peitsche nicht treffen kann (wie immer ist sie zu kurz, damit Tamara weder den Vogel, noch sich selbst verletzt, denn beide braucht ihr ehrwürdiger Herrscher noch). Deshalb zieht er den Wagen mit voller Geschwindigkeit in die Kurve und Tamara wird aufgrund ihres Fliegengewichtes auf dem Wagen hin- und her geschleudert. Mit allerletzter Kraft gelingt es ihr, wieder auf die Beine zu kommen und ihr Gespann durch die Kurve zu bugsieren. Dabei nimmt sie gerade noch wahr, daß minus zwölf Ratten auf der Rennbahn liegengeblieben sind und nun wohl Anhänger des Reiches „......“ (Untote) geworden sind. Firlefanz ist glücklicher Weise unverletzt geblieben. Es wahr wohl gut, daß er auf einer anderen Bahn in die Kurve gefahren war, denn bei einer Frau am Steuer, ist es wirklich zwischendurch ungeheuer, sich auf der Rennbahn zu Fuß zu bewegen. Und in Tamaras durchgeschüttelten und verwirrten Kopf treffen sich zwei Gedanken: Das Zitat war doch ganz anders: „Die ersten werden die letzten sein“, muß das wohl richtig heißen. Und: „Ratten vor den Wagen zu spannen, kann man wohl machen, muß man aber nicht.“ Was Tamara noch nicht so richtig klar ist, ist, warum sich aus diesen beiden Gedanken ein einziges Wort formt und immer wieder das eine Bild vor ihr aufleuchtet: „Firlefanz“.
Kein Wunder also, daß Tamara auf der Handicap losen Geraden vergißt, ihrem Adler die Peitsche zu zeigen. Denn das Zeigen hätte ihr sicherlich gereicht, wie sie für sich entscheidet, denn bei so einem schreckhaften Vogeltier ...“Nein, also dieser Schüttelei setze ich mich nicht wieder aus!“ denkt sich Tamara. „Was werden dann die anderen alle von mir denken. Und überhaupt, das Gerede, ich sei nicht Herrin meines Kopfes, meines Verstandes, meiner Worte, meiner Füße, ... nicht Herrin meiner selbst!!! - NEIN, niemalsnimmernicht, kann ich mir und unserem Herrscher diese Schmach antun!!“
Und so kommt es, daß das Gespann aus Northeim brav kreisend seine Runde dreht. Doch kurz vor dem Schluß regt sich der Widerstand in Tamaras Herz und sie denkt sich, wenn ich schon nicht das Vogelvieh treffen darf, dann muß ich es zumindest bei einem Untoten Tier versuchen. Mehr als sterben kann es ja nicht. Und da es schon tot, zwar untot, aber dennoch schon tot ist, kann ja wohl nicht viel passieren. Und das Knochengerüst auf dem Wagen hat ja bereits etwas Übung im ordnen seiner Knochen, stellt Tamara fest. Also beschließt sie, doch noch draufzuhauen. Aber während sie mit der Hand ausholt, um die Peitsche auf die neben ihr laufenden Pferde heruntersausen zu lassen, fallen ihr Kavonars mahnende Worte ein „KEINE kriegerischen Handlungen oder Provokationen!!!!“ und aus dem ursprünglich geplantem Peitschen wird ein leises Streicheln...
Und wieder denkt fällt ihr der eigenartige Artikel ein, den sie neulich per Zufall in die Hand bekommen und gelesen hat: „Frauen am Steuer, kann man machen, muß man aber nicht.“ Und ein Gedanke schießt ihr durch den Kopf: „Untote schlagen, kann man machen, muß man aber nicht!“ Und sie ist ganz erleichtert, daß der Wagenlenker, der ihre Aufmerksamkeit genossen hat, so mit sich selbst beschäftigt ist, daß er das Streicheln seiner Pferde kaum wahrgenommen hat.
Zufrieden ob ihrer so liebevoller Behandlung gegenüber den anderen Wagenrennenteilnehmern ist sich Tamara sicher, daß Kavonar mit ihr zufrieden sein wird. Und da auch Kavonars Zufriedenheit für sie von Bedeutung ist, unterhält sie sich in der Schlußkurve ein wenig mit dem Wagenlenker von Yaromo, bevor dieser noch einmal seinen Pferden die Peitsche gibt.
Und Tamara denkt sich: „Die lieben, guten Tiere peitschen??? Kann man machen, muß man aber nicht.“
Erschöpft und in dem Bewußtsein, niemandem geschadet zu haben, verläßt sie die Arena. Sie ist sich sicher, daß ihr großer Herrscher zufrieden sein wird mit ihr.
