Das Urgestein (1991)

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Schande für dein eigenes haus
bringst dein entschluß
viele völker auszurotten
und du verspielst deine lehre
denn der stein aus der mauer
schreit auf
und vom gebälke gibt der sparren
ihm antwort

das urgestein
von anfang an dabei

ich habe geträumt
so hell geträumt von schwarzen tagen
dann werden alle barden schweigen
die vögel werden nicht mehr singen
die bäume keine früchte bringen
der mond wird sich zur erde neigen
am tag an dem die steine klagen

wir sind die alten grauen steine
das urgestein
ihr sterne schaut uns an
blaue göttin eurer zukunft
splitter eurer hoffnung
die verstummt
wie das herz eines königs
das kaum gehört wieder sein leben verliert
ihr sterne schaut uns an
geborstene pfeiler einer brücke
voller kraft gewölbt
von den zeiten über der milchstraße
über das graue meer der wandlung
bis hin zum strand des lebens
das dem meer entsteigt
und nun im meer der träume versinkt
ihr sterne schaut uns an
wir sind die stumpfen zähne
im aufgerissenen mund der erde
die ihr leben beweint
einen verlorenen schatz
um den das weltall sie beneidet

wir sind die alten grauen steine
das urgestein
wir waren dabei
von anfang an dabei
und sahen
das erste grün der algen
wiesen hecken bäume
efeuranken moos und gräser
nährfriedhaft und tannenwälder
kornblumenblau ährenwild und roten mohn
weiße rosen löwenzahn und flieder
beeren kartoffeln früchte
muscheläcker und blätterdach
weizenkorn und trauben

wir waren dabei
von anfang an dabei
und sahen
gelbe tauben kranke müder
verbrannte wiesen
äste wie verdorrte stümpfe
blätter eingerollt vor schmerzen
blumen züchten unrat und finsternis
blei im brot und gift im wein
und auf dem müll ein strahlender berg

wir sind die alten grauen steine
das urgestein
wir waren dabei
von anfang an dabei
und hörten
das herzschlag der ersten tiere
den ersten schrei der affen
den flossenflügler der fische
den gesang der nachtigall
wolfsgeheul und zauberschreier
bienensummen zirpenschwanzen
liebeslieder grauer wale
zwitschern zirpen tauchen brüllen
bahrenschrei und kuckucksruf

wir waren dabei
von anfang an dabei
und hörten
den letzten flügelschlag des pelikan
bevor er im schwarzen öl versank
den schmerzensschrei geschälter robben
die grelle ohnmacht jeder kreatur
den stummen tod des letzten drachen
den grabgesang der raben

wir sind die alten grauen steine
das urgestein
wir waren dabei
von anfang an dabei
und staunten
über das erste du des menschen
wie er seine sprache fand
wie das werkzeug wuchs in seiner hand
wir staunten über das spiel der kinder
über dichter sänger musikanten
über mut verstand und weisheit
künste wissenschaft und schönheit
dörfer städte metropolen
ihre sehnsucht ihre hoffnung ihre fragen

wir waren dabei
von anfang an dabei
und staunten
über das lebensgefühl eurer wünsche
den abgrund zwischen arm und reich
wie maßlosigkeit grenzen vernichtete
machtwurst aus der nacht gebiert
wie berührung giftige blüten
und der wahnsinn tödliche früchte trieb

wir sind die alten grauen steine
das urgestein
wir waren dabei
von anfang an dabei
beim wahnsinn ohne gleichen
du glaubst es kaum
es ist zu steinern
was die natur aus licht gebracht
in tausend mal tausend und abertausend stunden
der mensch hat es zerstört
in wenigen sekunden
in wenigen sekunden

ich habe geträumt
so hell geträumt von schwarzen tagen
dann werden alle barden schweigen
die vögel werden nicht mehr singen
die bäume keine früchte bringen
der mond wird sich zur erde neigen
am tag an dem die steine klagen

ich weiß ich habe geträumt
nur geträumt, geträumt von schwarzen tagen