Tag der Dämmerung

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Poesie und Epik in der Provinz Askatia

Zur Epik gehört auch das gespielte Drama. Theater wird nur von Wandersleuten gespielt, die meistens auf der Straße spielen, manchmal aber auch von Adeligen an ihre Gehöfte geholt werden. Hier soll ein Stück vorgestellt werden, das durchaus umstritten ist. Es heißt Tag der Dämmerung. Die Hohenpriester würden dieses Stück liebend gerne auf die Liste der verbotenen Bücher setzen, bis jetzt ist vom Fürsten allerdings kein Urteil über das Stück verlautet worden. Böse Stimmen haben schon behauptet, es käme vom Fürsten selber, aber dies wurde bisher weder bestätigt noch abgestritten.

Das Stück ist umstritten, da es zwar zum Teil obrigkeitskritische Elemente hat, andererseits aber auch sehr religiös orientiert ist. Tag der Dämmerung ist mehr ein Stück mit philosophischen Aussagen, als mit einer konkreten, durchgehenden Handlung. Der Einfachheit halber möge der geneigte Leser sich das Stück selber durchlesen und eine eigene Meinung darüber bilden.

Tag der Dämmerung

Verfasser unbekannt

Personen: 3 Wachen, 1 Mönch, 1 Kreisritter, 1 Händler

Es ist kurz nach der Dämmerung. Die Bewohner der Stadt der Handlung sind zur Ruhe gekommen, das Stadttor hat nach der Dämmerung schon geschlossen. Drei Stadtgardisten halten dort Wache. Nebel zieht auf, es ist kalt.

1. Wache: Ich muß schon sagen, gar unheimlich würd es nun. Seht ihr diesen Nebel? Ich spüre es, verschlucken will er uns!

2. Wache (verängstigt): Schweig! Du redest zuviel! Es gehen schon genügend Gerüchte um.

3. Wache: Doch recht hat er. Dieser Nebel wird immer dichter, und Gerüchte sind es nicht, die umgehen. Wahrhaftig, die Handelsleute haben es auch mir erzählt, Kreaturen aus dem Walde kriechen hervor und Gewürm aus den Sümpfen ziehen Reisende in die Tiefe! Hast du nicht die Berichte aus den Bergen, weit, weit entfernt gehört? Erdbeben erschüttern das Land, und Fluten verschlingen die Küsten.

2. Wache (verängstigt): Schweig, du machst mir Angst!

1. Wache: Doch es stimmt, und gerade gestern wurde mir erzählt, der Erddrache hätte sich aus seinem tausendjährigen Schlaf erhoben, und die Giganten in ihren Unterirdischen Gefängnissen befreiten sich aus ihrer Wut. Es ist so, wie im Kreisbuch beschrieben!

2. Wache (verängstigt): Schweigt! Das Kreisbuch sollen andere auslegen, die es besser kennen als ihr. (Aus der Ferne hört man ein Donnern. Nach einer Weile hört man ein langsames Pochen am Tor.)

1. Wache: Da war etwas am Tor!

3. Wache: Nach dem Donnern, da habe auch ich etwas am Tor gehört!

2. Wache: Da war nichts. Dies ist kein gutes Omen. Der Nebel wird immer stärker, man sieht kaum die Hand vor den Augen.

3. Wache: Und wenn da doch etwas war, eine Kreatur aus dem Wald? Wir sollten uns kampfbereit machen!

1. Wache: Und wenn es ein Gewürm aus dem Sumpf war? Gegen sie hilft keine Waffe dieser Welt. Sie sind bereits tot, man kann sie nicht töten!

(Es pocht erneut, diesmal energischer.)

3. Wache: Da war es wieder!

1. Wache: Schweigt und laßt uns hören!

2. Wache: Ich hole Verstärkung! (Es pocht zum dritten mal, undeutliche Worte dringen durch das Tor.)

3. Wache: Es ist ein böser Hexer aus dem Walde!

1. Wache: Es ist ein Schatten aus dem Sumpf!

2. Wache (zieht Schwert und geht zu Guckloch): Ich sehe eine undeutliche Gestalt! Sie sieht aus wie ein Mensch. (Zu Gestalt) Wer ist da?

Mönch: Ich!

2. Wache: Wer, ich?

1. und 3. Wache (panisch): ER! Er ist es!

2. Wache: Wer, ich? Freund oder Feind? Sprecht geschwind!

Mönch (Stimme kommt näher): Ich bin der, der ich bin. Kein Name der Welt würde ausreichen, mich zu benennen, und die Zeit des Universums würde nicht ausreichen, mich zu beschreiben. Ich bin, der ich bin. Ich bin einsam, müde und durstig. Ich bitte euch, laßt mich eintreten, es soll euer harm nicht sein.

2. Wache (irritiert): Aha! Aber was ist, wenn ihr nicht der seid, den ihr vorzugeben scheint? Nicht alle Dinge sind so, wie sie zu sein scheinen. Und vor allem heute müssen wir vorsichtig sein in dem, was wir tun!

Mönch: Ihr habt recht in euren Worten, ich würde an eurer Stelle nicht anders denken. Leider kann ich euch keinen unwiderlegbaren Beweis für die Wahrheit geben. Ihr müßt einzig meinem Worten vertrauen, in der Hoffnung. Aber vielleicht lasset ihr mich fortfahren, in der Absicht euch zu überzeugen.

2. Wache: Nur zu.

Mönch: Ich sagte es bereits; ich bin der, der ich bin, der ich immer war und immer sein werde. Ich bin alleine. Ihr seid zu dritt. Damit seid ihr in der stärkeren Position, denn ihr bildet die Einheit, die alles schlägt, die in Harmonie die Vollendung bildet. Betrachte ich aber das Bild, das sich mir ergibt aus euren Reden, so erfahre ich, daß bei weitem nicht alles so harmonisch ist, wie es sein sollte.

2. Wache (ironisch): Ihr beliebt zu scherzen!

Mönch: In der Tat bildet ihr keine Einheit, sondern einen Kontrast, von dem jede Seite im Widerspruch zur anderen steht, und doch könntet ihr eine Einheit bilden, dachte man sich selber auf eine außenstehende Position, euch umgeben sehend durch ein Band, welches ihr zu schaffen bereit sein müßtet.

2. Wache: Ihr habt nicht meine Frage beantwortet!

Mönch: Doch, ich habe! Ihr seid nur zu ungeduldig, um die Antwort zu erfassen. Betrachtet ihr euch selber als Eckpunkt dieser Einheit, so seht mich als den gleichen Eckpunkt der gleichen Einheit, denn ein solcher bin ich. Ich bin auf der Suche nach der perfekten Harmonie, doch meine Freunde sind nicht bei mir, bin ich in der einen Ecke, so fehlt mir die andere. Habe ich einen Freund gefunden, so verliere ich ihn sobald ich den letzten sehe! Doch keiner von ihnen ist hier, ich spüre es. Der Gedanke ist nicht voll genug, und so muß ich weiterziehen. Der Gedanke bleibt im Geiste, und deshalb ziehe ich weiter! Oh Einsamkeit und Verlassenheit, oh Trauer und Sehnsucht! Wo führt ihr mich hin? Hat das Leid niemals ein Ende? Sind wir alle dazu verdammt, ewig weiter zu suchen, nach den beiden Freunden die man manchmal nur ein einziges mal im Leben trifft?

Mönch: Lebt wohl, ich ziehe weiter in die Welt.

2. Wache: Geht nicht, ich weiß, er ihr seid. Nun verstehe auch ich mich selber besser. Fürwahr, ihr habt die Wahrheit gesagt!

Mönch: Was nützt mir das? Ich bleibe doch alleine, ich und meine Gedanken. Was könnte ich erreichen mit meinen zwei Freunden; die Welt könnten wir aus den Angeln heben.

2. Wache: Erlaubt uns eine Frage, Ehrwürdiger: Steht uns das Ende der Welt bevor, so wie im Kreisbuch beschrieben?

Mönch: Das Ende der Welt? Ist die Welt nicht schon längst zum Stillstande gekommen? Das kommt erst, wenn ich meine zwei Freunde gefunden habe.

2. Wache: Dann erklärt uns, was haben all die Erdbeben und Katastrophen zu bedeuten, die uns heimsuchen? Sind sie vom dunklen Tetraeder gesandt?

Mönch: Der dunkle Tetraeder braucht nichts zu senden. Denn er weilt direkt unter uns. Die Dunkelheit nimmt verschiedene Formen an. Sie springt dich an wie der Löwe, sie verführt dich wie ein schönes Mädchen, sie ist lautlos wie ein Meuchelmörder. Die wahre Dunkelheit ist in uns, deshalb müssen wir uns selber erhellen. Doch ihr seht des anderen Dämmerung, und nicht eure eigene Dunkelheit! (Mönch geht ab. Noch lange hört man hohle Schritte durch den Nebel.)

2. Wache: Dies war ein weiser Mönch. Nur ein Mönch kann so reden und so vollendet denken, nur ein solcher hat Zeit und Muße, sich mit derartigen Dingen auseinanderzusetzen. Ich fühle mich so klein, denn ich spüre die Bedeutung dieser Worte. Warum haben wir ihn nicht hereingelassen, obwohl er darum bat? Durch unsere Ängste und Gefühle haben wir uns leiten lassen, und der Gedanke starb dabei. Wann wird er wieder zu leben erwachen?

II. Akt

Wache: Gar unheimlich ist es hier noch immer. Dieser Nebel nimmt kein Ende, er wird sogar noch dichter.

2. Wache: Keine Sorge!

3. Wache: Dieser Nebel will die Stadt verschlucken, so scheint es. Doch sie ist zu groß, zu mächtig, zu gewaltig, um verschluckt zu werden.

1. Wache: Selbst nicht vom Erddrachen in seiner Mächtigkeit?

2. Wache (provozierend): Auch nicht von den Göttern selber?

3. Wache (versunken): Ich lebe hier nun schon mein ganzes Leben lang. Ich könnte mir nicht vorstellen, nicht in dieser großen Stadt zu leben. Und sagt selbst: Ist sie nicht prächtig mit ihren reichen Kontoren, mit dem Rathaus und den Gildenhäusern? Ist sie nicht mächtig mit ihrer Stadtmauer und der Reichsgarnison? Wo sonst sind Leute so reich und so frei wie bei uns? Auf dem Lande vielleicht? Bestimmt nicht! (Hufgeklapper dringt bis zu den Wächtern vor. Eine Gestalt, die auf einem Pferd reitet, löst sich aus dem Nebel. Als sie näher kommt, erkennt man sie als einen Ritter mit Lanze in der Hand. Das Wappen auf dem Schild weist ihn als Kreisritter aus.)

3. Wache (respektvoll): Was dürfen wir für euch tun, hoher Herr?

Ritter: Ich begehre Durchlass! Öffnet das Tor!

3. Wache: Sofort, edler Herr! Wohin geht ihr zu so später Stunde?

Ritter: Ich ziehe in den Krieg, natürlich!

2. Wache (leise und spöttisch): Natürlich!

Ritter: Ihr spottet, doch was wißt ihr vom Krieg? Aus Dir spricht die Unkenntnis, die allen Sterblichen zu eigen ist. Was wißt ihr wirklich vom Krieg? Wie oft habt ihr euren Bruder von Schwert oder Speer tödlich getroffen zu Boden sinken sehen? Ich habe meine besten Freunde verloren, auf dem Feld der Tapferkeit. Ich habe nun keine Freunde mehr, aus Angst, ich könne auch sie verlieren. Das Leben ist ohne Freunde, denn es ist schmerzlich, wenn man sie verliert. Anfangs, noch mit Begeisterung ist man dabei, doch später dann, wenn man solange lebt, kommt die Erkenntnis. Ich sage euch, sie ist schmerzhaft.

3. Wache: Hört nicht auf meinen Freund!

Ritter: Dein Freund! Ich frage euch: Was bedeutet der Tod? Die alte Frage nach dem WARUM. Ist der Tod Zufall oder Vorhersehung, ist er gerecht oder ungerecht? Er ist Erlöser im Winter, und die Qual im Frühjahr. Doch egal ob gerecht oder ungerecht, die Dinge gehen doch ihren Weg. Egal wie die Antwort heißt, wir können nichts daran ändern.

3. Wache: Es wundert mich, euch so reden zu hören! Bislang war ich überzeugt, ein Ritter sei ein Mann der Ehre, der Kraft und der Waffen, ein Mensch der Gerechtigkeit bringt.

Ritter: Fürwahr, ein Ritter ist Mann der Ehre. Aber was ist Ehre? Was ist Kraft, und was ist Gerechtigkeit? Ehre heißt nicht, möglichst viele Gegner zu töten. Ein Ritter ist ehrenhafter, wenn er die Waffe nicht zuviel benutzt. Das ist ein wahrer, großer Krieger; er muß wissen, wann er keine Waffen gebrauchen darf. Dieses Wissen, wann die Waffe mehr Schaden als Nutzen anrichtet. Und wenn ein Ritter einen Gegner und Besiegten in seiner Niederlage nicht einfach demütigt, sondern ihn so in Ehre behandelt, wie er selber behandelt werden möchte, so handelt er ehrenvoll. Kraft bedeutet nicht nur, stark mit Muskeln zu sein. Kraft bedeutet auch die Selbstdisziplin, die Selbstbeherrschung. Denn wer sich sich im rechten Moment selber beherrscht, der kommt weiter als der Nachbar, der sich nicht beherrscht. Die Gerechtigkeit sieht jeder anders. Was für den Einen gerecht erscheinen mag, ist für den Anderen nicht notwendigerweise ebenso gerecht. Wir Ritter können allerhöchstens versuchen, gerecht zu sein. Wenn wir über andere richten, müssen wir uns dieses immer vor Augen halten. Da wir Menschen sind, machen auch wir unsere Fehler. Aber einer muß über andere richten. Da wir Ritter auch als fahrende Richter durch das Land ziehen, sind wir aber in Rechtsfragen geschult, besser als alle anderen.

2. Wächter: Warum hört ihr euch so resigniert an? Müßtet ihr nicht kämpfen ohne Pause für eure Ideale, für eure Ziele? Was nützen euch all die Reden über Ehre und Gerechtigkeit, und alles andere, wenn sie nur Reden bleiben, aber nicht in die Tat umgesetzt werden?

Ritter: Fürwahr! Ich sehe die Ideale, und ich sehe die Menschen. Meine Ideale stehen hier auf der einen Seite. Und die Realität, die Natur des Menschen, steht dem gegenüber auf der anderen Seite. Wenn ich es anders ausdrücken sollte, würde ich sagen, daß Gut und Böse, Licht und Dunkelheit sich unmittelbar gegenüber stehen.

3. Wächter: Und wie handelt ihr nun?

Ritter: Ich bekämpfe das Böse, sei es im wörtlichen oder im übertragenen Sinne. Sei es mit dem Schwert, dem Wort, oder einem Gedanken. Doch im Angesicht der stetig größer werdenden Flut des Bösen komme ich manchmal fast zur Resignation, denn der Kampf scheint sinnlos zu sein. Und doch erhebe ich mich immer wieder, weil ich doch noch an das Gute im Menschen glaube. Doch genug der Rede. Laßt mich nun endlich durch, denn unsere Zeit ist knapp. Die Bestien aus den Sümpfen erheben sich.

3. Wache: Lasst ihn durch!

Die Wächter öffnen geflissentlich das Tor. Der Ritter reitet ab. Schnell schließen die Wächter das Tor und wachen weiter. Für lange Zeit fällt kein Wort.

2. Wache: Ganz schön viel los, heute Nacht!

3. Wache (nach langem Warten): Jau!

2. Wache (nach langem Warten): Ich glaube, der Nebel bleibt!

3. Wache (nach langem Warten): Jau!

2. Wache (nach langem Warten): Ich habe Hunger, und mir ist kalt!

3. Wache (nach langem Warten): Jau!

1. Wache (nach langem Warten): Dann hole dir etwas zum essen!

3. Wache (nach langem Warten): Bring mir was mit!

2. Wache (nach langem Warten): Ich glaube, ich habe doch keinen Hunger.

III. Akt

Nach einiger Zeit ist von dem Wege vor dem Tor Hufgeklapper und Räder zu hören, zwischendurch ein Peitschenknall und das Scheppern wie von einer hingefallenen Bratpfanne. Schon von weitem ist eine Stimme zu hören.

Händler: Macht das Tor auf. Schnell, ich werde verfolgt von grauenhaften Bestien. Sie trachten nach meinem Leben, vielleicht sogar nach meiner Ware! Ich bitte euch, ich bin ein Händler und stehe damit unter dem Schutz des Kaisers persönlich!

3. Wächter: Na und?

Händler: Ich stehe unter dem Schutze des Kaisers persönlich! Wenn mir ein Leid unter euren Augen geschieht, werdet ihr alle gefoltert und hingerichtet! Meine Angehörigen in der Stadt erwarten mich schon!

2. Wächter: Es könnte eine Falle sein!

Händler: Der Schwager meines Cousins ist im Gildenrat der Stadt. Er ist mächtig und wird euch bestrafen!

3. Wächter: Vielleicht, vielleicht auch nicht!

Händler (panisch): Es ist eure Aufgabe, Leute wie mich zu beschützen, dafür werdet ihr bezahlt!

2. Wächter: Bezahlt? Kleiner Scherz am Rande!

1. Wächter: Ich vertraue ihm!

3. Wächter (grinsend mit gezogenem Schwert): Ich auch!

Die Wächter machen das Tor auf. Der Händler kommt auf seinem Wagen hereingefahren und hält erschöpft an. Währenddessen schließen die Wächter das Tor wieder.

Händler: Ich befürchte, ich muß euch danken dafür, daß ihr mich doch noch hereingelassen habt!

1. Wächter: Was hat euch denn so in Angst und Schrecken versetzt?

Händler: Es waren die Blutbestien aus den Wäldern und Sümpfen.

2. Wächter: So so, Blutbestien. Wie kommt es, daß sie ausgerechnet euch verfolgt haben?

Händler: Ich komme aus dieser Stadt. Die Neugierde hat mich in die Fremde getrieben, die Neugierde und das Verlangen nach Gold hat mich dazu bewogen, auf die Suche zu gehen nach dem Land hinter der Welt.

2. Wächter: So so, Land hinter der Welt.

1. Wächter: Ruhe! Laßt ihn reden!

Händler: Nach monatelanger Irrfahrt kam ich in eine neue Welt. Als Schiffsobermacher strandete ich an der Küste des Landes ohne Namen. Ein tristes, graues Land. Dort herrschten Zauberer, die mit Magie die Gedanken der Menschen lesen. Jeder, der sich gegen ihre Tyrannei auflehnen wollte, wurde so frühzeitig entdeckt und durch alchemistische Experimente hingerichtet.

3. Wächter: Na und? Das ist doch gang und gäbe, wenn hierzu Lande auch andere Mittel angewandt werden und unter anderen Voraussetzungen.

Händler: Ja, aber in dem Land ohne Namen wurden die Leute Tag und Nacht beobachtet, alles durch Schwarze Magie. Bestraft wurden die Leute auch nicht für ihre Auflehnung gegen die Tyrannei, sondern alleine für die Idee, für den bloßen Einfall. Die Straftat war die Idee an sich, nicht der Plan oder die Ausführung.

1. Wächter: Das ist unfair! Wie kann man für etwas bestraft werden, das einem plötzlich einfällt, und das sich als Idee und Gedanke im Kopf befindet? Die Gedanken sind frei! Waren die Zauberer-Tyrannen denn so schwach, daß sie eine Idee fürchten mußten? Stand ihre eigene Rechtfertigung denn auf so schwachen Beinen?

Händler: Dieses System der Kontrolle, die Monotonie des Landes, die erzwungene Gedankenleere. Auch ich wurde gefangen genommen, konnte aber glücklicherweise fliehen. Irgendwie schaffte ich es, ein anderes Land zu erreichen und von dort aus in die Heimat zurückzukehren.

3. Wache: Wie seid ihr zu all diesen fremden Waren gekommen?

Händler: Durch meinen Einfallsreichtum verstand ich es, hier und dort zum Handel anzuhalten, diesen fremden Gegenstand gegen einen anderen einzutauschen. Und durch taktisches Vorgehen konnte ich konstant den Wert meiner Ware erhöhen. Das ging solange gut, bis Räuberbanden auf mich aufmerksam wurden.

2. Wache: Und was hat das jetzt mit den Blutbestien zu tun?

Händler: Die Blutbestien, ich habe ihre Existenz übrigens nie glauben wollen, sind magische Kreaturen. Sie leben in den Sümpfen und irgendwie wittern sie Lebenskraft und Vitalität. Aber nicht solche, wie sie von ausgezehrten und erschöpften Bauern ausgestrahlt wird, die seelisch abgestumpft sind in ihrem täglichen, harten Kampf um ein karges Dasein. Nein, ich spreche von den Leuten mit immer neuen Ideen, die kreativ sind, die mutig im Leben vorwärts stürmen. Diese werden von den Blutbestien gewittert, verfolgt und bis zum Tode gehetzt, weil sie wissen, daß ihre Existenz bedroht wäre, wenn sie die Kreativität, den Mut im Leben etwas neues aufzubauen, passieren lassen würden!

3. Wache (sarkastisch): Wie gut! Dann haben wir ja nichts zu befürchten!

1. Wache: Was weißt denn du? Ist es denn nicht schon etwas Neues, wenn wir uns darüber Gedanken machen? So könnten vielleicht auch wir bald zu Opfern der Blutbestien werden.

2. Wache: Schon wenn wir darüber nachdenken? Ich glaube fast, die Zaubertyrannen des Landes ohne Namen und die Blutbestien sind die gleichen Dinge.

Händler: Ihr habt es erfasst. Darauf wollte ich hinaus. Nicht alles ist so, wie es zu sein scheint! Ich und meinesgleichen, wir haben dies realisiert. Wir hatten eine Idee, für die wir dann verfolgt wurden. Und doch sind wir es, die den Fortschritt bringen: Wir entdecken neue Länder, wir eröffnen neue Handelswege, wir finden Möglichkeiten, alte Dinge besser zu machen. Und deshalb werden wir von den Blutbestien gehetzt, obwohl jeder von uns davon profitiert.

3. Wache: Ich profitiere nicht davon!

1. und 2. Wache: Halt die Luft an!

Die 3. Wache zieht sich beleidigt zurück. Von weitem ist ein unwirkliches Kreischen zu hören. Der Händler, eben noch in Gedanken versunken, schreckt auf.

Händler: Da! Habt ihr gehört? Flieht, rennt, flüchtet, rettet euer Leben und noch wichtiger, euer Hab und Gut!

Der Händler entfernt sich schnell. Die Geräusche verstummen. Bald kommt die 3. Wache zurück.

IV. Akt

Es ist noch immer tief in der Nacht. Der Nebel zieht schwer durch die Straßen und es riecht nach Holzfeuer. Wieder ist ein Donnern in weiter Entfernung zu hören. Dazu kommt ein gelegentliches Aufblitzen wie von einem Wetterleuchten. Zu allem Überfluß ist wieder Wolfsgeheul zu hören.

2. Wache: Hört, Freunde! Die Wölfe besingen den Vollmond! Mit ihnen kommen auch die Blutbestien!

3. Wache: Macht euch bereit zum Kampf. Wenn wir angegriffen werden, mag es von Wölfen aus den Wäldern oder gar Blutbestien aus den Sümpfen sein, so müssen wir dieses Tor mit unserem Leben verteidigen!

2. Wache: Hast du schon vergessen, was der Ritter gesagt hat?

1. Wache: Wie wäre es, wenn wir im Falle eines Angriffes mit dem Köpfchen vorgehen? Könnte uns vielleicht das Leben retten!

3. Wache: Dann mach einen Vorschlag, du kluger Kopf. Aber paß auf, daß er nicht rollt, dein Kopf!

2. Wache: Das ist eine gute Idee! Über einen Plan muß auch ich einmal nachdenken.

1. Wache: Anstatt mit dem Schwert in der Hand zu kämpfen, könnten wir uns der Armbrüste bedienen und uns hinter den Kisten dort verschanzen. So gehen wir nicht das Risiko eines Nahkampfes ein!

2. Wache: Eine gute Idee, aber was, wenn auch der Gegner Armbrüste verfügt?

3. Wache: Eine schlechte Idee. Ihr beide seid so schlechte Schützen, ihr würdet doch keinen Drachen aus dreißig Fuß Entfernung treffen! Und davon abgesehen haben wir überhaupt keine Armbrüste!

2. Wache: Hmmm … und was machen wir dann?

3. Wache: Kämpfen, so wie es sich eines Kriegers gehört! Was soll das lange Gerede? Lasset uns zur Tat schreiten!

2. Wache: Wir können uns viel Kummer ersparen, wenn wir nur ein wenig nachdenken.

3. Wache: Alles nur reden!

1. Wache: Wie wäre es, wenn wir ganz einfach nach Verstärkung rufen?

2. Wache: Das würde zu lange dauern. Die Garnison ist auf der anderen Seite der Stadt. Und bis alle aufgewacht, sich bereitgemacht haben und wieder bis hierher gekommen sind, sind die Restlichen von uns schon niedergemetzelt. (Das Heulen wird lauter, es ist nur noch weniger als einen Kilometer entfernt. Durch den Nebel hört sich alles gedämpft. Im Hintergrund leutet eine Glocke dreimal.)

1. Wache: Dann laßt uns Öl und Wasser sieden, daß wir auf unsere Gegner schütten.

2. Wache: Die notwendigen Materialien befinden sich im Torhäuschen.

3. Wache: Ich gehe am besten und los hole alles.

1. Wache: Ja, bereite schon einmal das Öl vor, ich werde währenddessen das Tor zusätzlich verriegeln.

2. Wache: Wir können zusammen höchstens drei Kessel mit Öl zum Sieden bringen. Alles darüberhinaus hält uns mehr auf, als daß es uns Nutzen bringt.

3. Wache: Ich werde das Öl vorbereiten. (Zur 1. Wache) Du verriegelst das Tor und du (zur 2. Wache) gehst auf die Mauer und hältst Ausschau!

Es entwickelt sich hektische Geschäftigkeit. Die 3. Wache holt alles aus dem Torhäuschen und fängt an, das Öl zum Kochen zu bringen. Die 2. Wache zieht ihr Schwert und geht auf die Mauer, um von dort aus die Umgebung zu beobachten. Die 1. Wache verriegelt das Tor mit zusätzlichen Balken. Kaum ist das Öl am Sieden, hört man von der anderen Seite des Tores ein Fauchen. Alle drei transportieren nun gemeinsam die Kessel mit dem Öl auf die Stadtmauer und entleeren es auf ihre Gegner. Das Fauchen wechselt zu einem Jaulen. Nach nur wenigen Ölladungen entfernt sich das Jaulen. Die Wachen sind verschwitzt und atemlos.

3. Wache: Glück gehabt!

2. Wache: Gute Arbeit!

1. Wache: Sauber!

2. Wache: Wir drei haben zusammengehalten, und deshalb haben wir die Blutbestien zurückgeschlagen. Wir haben im kleinen das geschafft, was der Mönch nicht geschafft hat. Wir haben zusammengekämpft. Nicht alleine und einsam wie der Ritter in der Schlacht. Wir haben die Blutbestien besiegt, vor denen selbst der wagemutige Händler geflohen ist. Das kommt durch die richtige Idee, angebracht im richtigen Moment. Denn ohne die richtige Idee im richtigen Moment kann der Gedanke nicht gefasst werden, der dazu führt, die Handlung, also die Tat, zu ergreifen.

3. Wache: Die Handlung kann nur Sinn machen, wenn sie zuvor durchdacht wurde. Da die Handlung auch das ist, was die Nächsten von uns erleben, ist es um so wichtiger, die Tat, die man begeht, zu durchdenken, da sie unser innerstes spiegelt und nur der Ausdruck unserer selbst ist.

2. Wache: Ein sinnvoller Gedanke wird erst dann gut, wenn es eine Idee gibt, die vor dem Gedanken steht. Denn der Gedanke nimmt die Idee auf, ordnet und verarbeitet sie, sodaß aus der Gedanke in eine Tat umgeformt werden kann.

1. Wache: Die Idee ist der Ausgangspunkt. Für einen guten Gedanken ist eine gute Idee notwendig. Die Idee steht am Anfang der Kette. Doch steht die Idee dem Gedanken und der Tat gleichberechtigt gegenüber, denn das eine folgt aus dem anderen. Wird die Idee als Anfang der Kette betrachtet, so muß man wissen, daß eine Kette nur so stark ist, wie ihr schwächstes Glied. Deshalb sind alle Glieder der Kette gleichberechtigt.

2. Wache: Wir haben die Kette geeinigt, indem wir Idee, Gedanke und Tat zu einer funktionierenden Kette aneinanderreihten. Das eine konnte auf dem anderen aufbauen und so zum Erfolg führen. Der wahre Grund aber, warum wir erfolgreich waren, ist der, daß wir eine Ausnahme sind. Wir drei Wächter an dem Tor der kleinen Stadt, die überall und irgendwann sein könnten, sind ein Wunsch, der zeigen soll, was möglich ist.

3. Wache: Während wir nur ein Beispiel für das mögliche sind, sind der Mönch, der Ritter und der Händler real, und deshalb pessimistisch. Denn die Welt ist so, und nicht so, oder so. Es könnte so sein, aber in Wirklichkeit ist so. Und stellt man sich das mögliche neben der Realität vor, so muß man sich fragen: Warum ist es so, wie es ist? Und warum werden die Träume von der Realität zerstört?

1. Wache: Doch was kann man tun? Man muß Träume akzeptieren, ja man muß sie sogar realisieren! Und wenn dieses geschieht, dann sind Idee, Gedanke und Tat vereint. Und wenn dies nur einen winzigen Moment anhält, so schöpft man doch daraus die Kraft, um weiter um das Überleben zu kämpfen. Deshalb: Verwirklicht Eure Träume und laßt Eure Ideen, Gedanken und Taten eins werden!