Die Maschinen von Brackheim

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Erstes Kapitel – Der Schatten Hragatyrs

Ein Schatten glitt über Brackheim.
Nicht der Schatten eines Sturms.
Nicht der Schatten eines Drachen.
Sondern der Schatten einer Festung.

Hoch über der Hauptstadt des Jarlsgrundes bewegte sich Hragatyr durch die Wolken. Die gewaltige fliegende Festung schob sich lautlos über Türme, Langhäuser und Befestigungen hinweg. Ihre mächtigen Basaltstahlplatten schimmerten im kalten Licht des Nordens, während zwischen den Schiffsleibern Windharfen sangen und die Sturmherde tief in ihrem Inneren wie gewaltige Herzen pulsierten.

Die Bewohner Brackheims blieben auf den Straßen stehen. Kinder zeigten zum Himmel. Alte Krieger legten die Hand auf die Brust. Selbst die Händler auf dem Marktplatz verstummten, denn jeder kannte die Legenden.
Und jeder kannte den Namen des Mannes, der auf der Kommandoplattform stand.

Ormunder vom Isenstein.

Ingenieurfürst Nordheims.
Herr der Sturmflotten.
Meister der Eisenflamme.
Erbauer Hragatyrs.
Bewahrer der alten Runentechniken.

Der Wind zerrte an seinem teilweise ergrauten Bart, während sein Blick über die Stadt wanderte.
Viele sahen in ihm einen Schmied.
Viele sahen einen Herrscher.
Andere einen Magier.
Doch wer ihn wirklich kannte, wusste die Wahrheit.

Ormunder war vor allem ein Erbauer.
Ein Mann, der Berge hatte fliegen lassen.

Neben ihm stand Halvar Eisgriff.
Der Name ließ Fremde meist einen gewaltigen Krieger erwarten. Doch Halvar war klein von Wuchs. Sein rußgeschwärzter Bart reichte bis auf die Brust, und hinter dicken Brillengläsern funkelten stahlblaue Augen voller Neugier und Scharfsinn. Seine Hände waren von zahllosen Narben gezeichnet. Nicht von Schlachten. Sondern von Jahrzehnten an Werkbänken, Sturmherden und Maschinen. Jeder Schnitt erzählte von gebrochenen Federn, berstenden Kesseln und Konstruktionen, die beinahe den Himmel in Brand gesetzt hätten. Er trug einen schweren Werkmantel aus verstärktem Leder. In dessen Taschen steckten Messzirkel, Runenschreiber, kleine Werkzeuge und Phiolen voller Vulkanasche vom Isenstein.

„Die Leute starren wieder.“

Halvar schob seine Brille zurecht.
„Natürlich starren sie. Du hast ihnen eine fliegende Festung vor die Nase gesetzt.“

Ormunder lächelte leicht.
„Das hilft vermutlich.“

Ein leises Schnauben erklang.
Myrddin der Runenweise trat an die Reling. Sein langer Mantel flatterte im Wind. Runenstäbe aus Sturmbronze hingen an seinem Gürtel.
„Wenn die Menschen aufhören, über Hragatyr zu staunen, dann ist Nordheim verloren.“

„Warum?“

„Weil sie dann anfangen nachzudenken, was passiert, wenn sie abstürzt.“

Halvar verzog das Gesicht.
„Danke für diesen Gedanken.“

Myrddin grinste.
„Gern geschehen.“
Dann verschwand das Lächeln wieder.

Denn vor ihnen lag Brackheim.
Und Brackheim hatte um Hilfe gebeten.

Zweites Kapitel – Die Landung

Langsam begann Hragatyr zu sinken. Tief unter den Decks erwachten die Schwebekerne. Runenlicht pulsierte durch Windseidenadern. Sturmbronze-Spulen summten. Dann ertönte das Signalhorn.
Die gewaltige Festung setzte südlich der Stadt auf. Ketten rasselten, Dampf entwich zischend aus Ventilen. Der Boden bebte.
Kurz darauf verließ eine kleine Delegation die Festung.

Vorne ging Ormunder.
Neben ihm schritt Halvar.
Myrddin folgte unmittelbar dahinter.
Hinter ihnen marschierten zwölf Ingenieure aus Isenstein. Spezialisten für Sturmherde, Meister der Windseide, Erbauer von Runenmaschinen. Männer und Frauen, die Zahnräder ebenso gut verstanden wie Zauberrunen. Sie trugen keine Speere, keine Schwerter. Ihre Waffen waren Messgeräte, Werkzeuge und Wissen.

Drittes Kapitel – Jarl Einar Gunnarson

Die Große Halle Brackheims war voller Krieger.
Als die Gäste eintraten, erhob sich der Jarl von seinem Hochsitz.

Einar Gunnarson.

Selbst unter Nordheimern wirkte er wie ein Bär in Menschengestalt.
Sein Schädel war kahl. Narben zogen sich über die glänzende Haut. Einige waren alt, andere erstaunlich neu.
Und statt eines Herrschergewandes trug er einen geschwärzten Kriegsharnisch, dessen Oberfläche von zahllosen Scharten bedeckt war.

Einar Gunnarson war kein Jarl geworden, weil er gut reden konnte.
Er war Jarl geworden, weil niemand ihn hatte besiegen können.
Sein Blick fiel auf Ormunder.

„Ingenieurfürst.“

Jarl.“

Einar deutete durch das Fenster hinaus.
„Beeindruckendes Schiff.“

Halvar hob sofort einen Finger.
„Festung.“

„Was?“

„Fliegende Festung.“

„Sie fliegt.“

„Ja.“

„Sie hat Kanonen.“

„Ja.“

„Dann ist es ein Schiff.“

Halvar holte Luft.
Ormunder legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Lass gut sein.“

Myrddin grinste.
„Diese Diskussion gewinnen wir heute nicht.“

Zum ersten Mal lächelte sogar Einar. Doch das Lächeln verschwand schnell wieder. Der Jarl trat an einen großen Eichentisch. Dort lag ein seltsames Metallfragment. Ormunder nahm es auf. Sofort wurde sein Gesicht ernst.
Das Metall war grob verarbeitet, aber die Gravuren darauf waren eindeutig. Runen. Verstümmelte Runen, fehlerhafte Runen. Runen, die niemals hätten funktionieren dürfen.

„Woher stammt das?“

„Aus den Moorfeldern östlich von Brackheim.“

Orks?“

Orks.“

Stille senkte sich über die Halle.
Einar stemmte beide Hände auf den Tisch.
Orks verstehe ich.“
Seine Stimme klang wie Fels.
Orks kommen.“
Orks plündern.“
Orks sterben.“
Ein Finger tippte auf das Metallstück.
„Das hier verstehe ich nicht.“

Ormunder betrachtete die fehlerhaften Runen.
Lange. Sehr lange.
Schließlich legte er das Metallstück auf den Tisch.
„Ich weiß nicht, was das ist.“

Die Worte überraschten selbst Myrddin.
„Ihr wisst es nicht?“

„Nein.“

Ormunder schüttelte langsam den Kopf.
„Ich weiß nur, was es nicht ist.“
Er tippte mit einem Finger auf die Gravuren.
„Das hier wurde nicht von einem Meister der Runenkunst gefertigt.“

„Aber es funktioniert?“, fragte Einar.

„Offenbar.“

„Dann ist das schlecht.“

„Möglicherweise.“

Halvar rückte seine Brille zurecht.
„Was bedeutet möglicherweise?“

Ormunder sah zu den versammelten Ingenieuren.
„Es bedeutet, dass wir zu wenig wissen.“

„Die Berichte sprechen von Orks.“

„Ja.“

„Die Maschinen wurden bei Orks gesehen.“

„Ja.“

„Dann gehören sie den Orks.“

„Vielleicht.“

Halvar stöhnte.
„Ihr seid wieder im Ingenieursmodus.“

Ormunder nickte.
„Eine Maschine beantwortet keine Fragen. Sie stellt neue.“

Myrddin lächelte.
„Das ist der Unterschied zwischen einem Krieger und einem Gelehrten.“

Einar verschränkte die Arme.
„Und was ist der Unterschied?“

„Der Krieger sieht ein Problem und will es erschlagen.“

„Das funktioniert erstaunlich oft.“

„Der Gelehrte will zuerst verstehen, warum es existiert.“

Einar dachte einen Moment nach.
„Und wenn wir es verstanden haben?“

Myrddin grinste.
„Dann könnt Ihr es erschlagen.“

Viertes Kapitel – Das Moor

Am nächsten Morgen brach die Expedition auf.
Die Gruppe bestand aus Ormunder, Halvar, Myrddin, sechs Ingenieuren und zwanzig Kriegern Brackheims.
Einar Gunnarson bestand darauf, sie persönlich zu begleiten.

Jarl, Ihr müsst nicht—“

„Doch.“

„Warum?“

Einar schulterte seine Axt.
„Weil ich Orks töten möchte.“

Halvar nickte.
„Nachvollziehbar.“

Drei Stunden später erreichten sie die Moorfelder. Nebel hing zwischen abgestorbenen Bäumen. Der Boden war weich. Unnatürlich still.
Dann blieb einer der Ingenieure stehen.
„Dort!“

Als die Maschine aus dem Nebel auftauchte, blieb die gesamte Gruppe stehen.
Kein Ork war zu sehen.
Keine Spuren. Keine Lagerfeuer. Keine Waffen.
Nur die Maschine.
Sie stand halb im Moor versunken wie das Skelett eines unbekannten Tieres. Dampf stieg aus geborstenen Leitungen, Zahnräder ragten aus ihrem Leib.
Die Ingenieure näherten sich vorsichtig. Halvar kniete nieder. Seine Augen wurden hinter den Gläsern immer größer. Schließlich flüsterte er:
„Bei allen Sturmherden ...“

„Was?“, fragte Ormunder.

Halvar zeigte auf eine der Runenplatten.
„Ich habe keine Ahnung, wie dieses Ding überhaupt laufen konnte.“

Zum ersten Mal wurde Ormunder wirklich beunruhigt.
Denn wenn Halvar Eisgriff etwas nicht verstand, bedeutete das selten etwas Gutes.


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